15 Jahre Drogensucht und Alkoholabhängigkeit, der Kampf zurück ins Leben #41 David

Shownotes

David blickt zurück auf 15 Jahre voller Drogen, Alkohol und Selbstzerstörung. Was als jugendlicher Reiz begann, entwickelte sich zu einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale. Seine Familie verzweifelte, seine Freunde kämpften um ihn – doch er selbst hatte sich längst aufgegeben.

Zeitstempel: 0:00 – 2:00: Einleitung & Vorstellung 2:00 – 5:30: Kindheit & die ersten Brüche in der Familie 5:30 – 10:00: Der Einstieg in die Sucht 10:00 – 14:30: Der Weg in die Abhängigkeit 14:30 – 20:00: Verstecktes Doppelleben 20:00 – 25:00: Studium & Leben in Berlin 25:00 – 30:00: Absturz & Isolation 30:00 – 37:00: Erste Entzüge – und sofortige Rückfälle 37:00 – 44:00: Der Wendepunkt – als seine Mutter alles sah 44:00 – 50:00: Der lange Kampf um ein abstinentes Leben 50:00 – 56:00: Rückblick & Erkenntnisse 56:00 – Ende: Davids Leben heute & seine Botschaft


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Transkript anzeigen

0:00:00Wenn ich das heute sehe, da dreht sich mir alles um. Da ist meine Familie da und ich bin echt so total niedergeschlagen, total high, sitze ich da am Weihnachtsbaum. Das war der Zustand. Die haben bei mir Drogen gefunden, die haben bei mir eigentlich wöchentlich

0:00:17eine Bong aus dem Kleiderschrank gezogen. Ich habe zu Hause Pflanzen gehabt. Ich war richtig süchtig. Triggerwarnung. Bevor wir beginnen, möchten wir dich auf etwas Wichtiges hinweisen. Uns sind deine Sicherheit und Gefühle wichtig. Wir möchten gewährleisten, dass du dich während des Hörens

0:00:34unseres Podcasts wohlfühlst und keine unerwarteten Auslöser erlebst. In dieser Episode werden wir Themen ansprechen, die für einige Hörende verstörend sein könnten. Zu Beginn der Folge stellen wir das Thema vor. Falls du denkst, dass das genannte Thema für dich persönlich belastend sein könnte, dann möchten wir dich bitten, die Folge direkt zu beenden. Stell dir vor, du kommst in einen Raum, vor dir sitzt ein Mensch und du hast keine Ahnung, wer das ist. Das passiert mir in jeder Folge bei unserem Podcast von Bohne zu Bohne. Mein Name ist Charlotte und ich

0:01:06weiß vorher nichts über unsere Gäste. Kein Name, keine Information, keine Themen. Also werden meine Fragen auch deine Fragen sein. Ich bin Sanja und ich suche die Gäste. Hier achte ich darauf, dass es Menschen mit spannenden Persönlichkeiten und faszinierenden Erlebnissen sind. Und genau die wollen wir mit euch teilen. Bist du bereit, gemeinsam mit Charlotte neue Geschichten kennenzulernen?

0:01:28Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge. Mein Name ist Charlotte. Mein Name ist Sanja. Und ich bin David. Ich bin acht Jahre abstinent. Von was?

0:01:45Von Substanzen. Von vielen Substanzen. Sehr vielen. Diversen Substanzen. Diversen Substanzen, genau. Okay. Von was reden wir hier genau?

0:01:54Von Drogen. Drogen, Alkohol. Okay. Zu meiner Hochzeit habe ich, also, ich habe immer viel getrunken. Aber ich habe auch viele andere Substanzen genommen, also Arzneimittel,

0:02:05Schlafmittel sowas, Kokain, eigentlich was ich so in die Hände gekriegt habe. Okay, lass uns mal ganz vorne anfangen. Wie bist du aufgewachsen? Die ersten Jahre, an die ich mich erinnern kann, die waren sehr schön. Also wir hatten alles, was man braucht. Ich habe zwei Geschwister, Eltern, wir hatten einen Ponyhof.

0:02:25Also wir hatten, ich bin aufgewachsen mit Pferden. Wir hatten Haustiere, ein Haus. Ja, alles was man sich so wünschen kann. Warst du das jüngste Kind? Das mittleste. Sandwich. Das Sandwich-Kind. Hast du Bruder oder Schwester?

0:02:39Ältere Schwester, jüngerer Bruder. Ah ja, okay. Und die Beziehung zwischen euch war auch super? Hatte alles funktioniert? Als Kinder? Ja. War wirklich eine schöne Zeit. Und wann würdest du sagen, wann ist das gekippt? Meine Eltern haben sich getrennt oder es ging zu Hause, der Ärger ging los, da

0:02:58war ich 12, 13 so oder 11, 12, 13, ich kann es gar nicht genau sagen, weil das war kein Abbruch, sondern eine längere Phase. Das hat sich über eine längere Zeit herum hingezogen und dann haben wir alles verloren. Mein Vater ist ausgezogen, er ist in die Nähe gezogen und meine Eltern waren ganz innovativ. Wir hatten dann zwei Zuhauses oder wie ich sagen würde keins. Und wir waren eine Woche da, eine Woche da.

0:03:27Das war so der Weg, den meine Eltern gewählt haben. Wir haben unsere Pferde verkaufen müssen und es hat sich verändert einfach. Habt ihr es verkaufen müssen, weil deine Mutter das alleine nicht halten konnte oder weil dein Vater den Anspruch gesucht hatte an letztendlich die Hälfte der Pferde oder ähnliche? Nö, ich glaube das war gar nicht das Problem, sondern so ein Konstrukt, so ein Ponyhof, das funktioniert nur, wenn alle Leute da sich wirklich einbringen. Auch

0:03:51wir Kinder mussten uns da einbringen. Jeder von uns hatte ein eigenes Pferd. Meine Eltern haben gesagt, du kriegst ein Pferd, da musst du dich aber auch drum kümmern. Und diese Trennung oder diese Veränderungen, die waren für unsere Familie so traumatisierend, dass dieses Konstrukt nicht mehr funktioniert hat. Also wir Kinder waren nicht mehr bereit, uns in irgendeiner Form einzubringen. Das ist dann einfach hinübergefallen.

0:04:15Das ist mit Sicherheit auch eine finanzielle Frage gewesen. Wenn man zwei Immobilien finanzieren muss, dann bleibt da nicht mehr so viel Geld für ein Pferd übrig. Wie haben eure Eltern euch das mitgeteilt, dass sie sich trennen wollen? Das kann ich gar nicht so sagen. Also ich kann mich nicht an das Gespräch erinnern.

0:04:36Aber kam das überraschend für euch, die Trennung? Oder war das schon Absicht? Also ich glaube Eltern halten sowas wahrscheinlich generell lange von den Kindern fern. Und dann, wir haben es wahrscheinlich erst erfahren, als der Drop schon gelutscht war. Und dann seid ihr weggezogen? Wie ging es dann für dich weiter?

0:05:03Wie gesagt, mein Vater ist in eine Wohnung gezogen, in der direkten Nähe eigentlich, sogar in der direkten Nachbarschaft eigentlich. Das ging dann eine Zeit so, dann ist er wieder zurückgezogen, dann ist er woanders hingezogen,

0:05:26dann ist er wieder zurückgezogen. Dann hatten wir zwei Wohneinheiten in unserem Elternhaus, quasi, wo beide Parteien drin gewohnt haben. Und da gab es so, ja, über, das war wie ein Zeitraffer. Innerhalb von zwei, drei Jahren gab es zig Wohnvarianten, die so durchgewechselt haben, wo meine Eltern mit Sicherheit versucht haben, es so schön für uns zu gestalten wie irgendwie

0:05:53möglich. Aber ob das der richtige Weg war, weiß ich nicht. Wie ging es dir denn emotional damit? Damals hätte ich das nicht so gesehen, dass mich das belastet hat. Hättest du mich damals als Kind, als Jugendlichen gefragt, hätte ich das nicht groß thematisiert. Heute weiß ich, dass das für mich schlimm war.

0:06:16Ich glaube, jeder in meiner Familie ist damit anders umgegangen. Mein Bruder hat sich zurückgezogen, meine Schwester hat sich verpisst und ich habe mich rumgetrieben. Das war dann jeder seinen Weg gesucht, damit klar zu kommen. Was meint du denn mit herumgetrieben? Ich wollte einfach nicht zu Hause sein. Ich habe es zu Hause nicht ausgehalten.

0:06:15Für mich war das nicht zu ertragen. Wenn immer möglich, war ich mit meinen Freunden unterwegs. Einfach nicht nach Hause. Sprechen wir von dir mit 12, 13 Jahren? Genau. Und bist du dann damit automatisch auf die schiefe Bahn gerutscht oder wie ist es dann

0:06:35für dich weitergegangen? Ich würde sagen, ich bin nie auf die schiefe Bahn gerutscht. Zumindest da war ich ganz weit davon entfernt. Also ich habe meine Jugendfreunde, ganz tolle Freunde, die habe ich bis heute, also richtige Freunde. Und wir haben uns da versucht, auch mit Drogen, mit Alkohol und so.

0:06:52Das ist verrückt. Wir haben alles zusammen probiert, wir haben alles zusammen gemacht. Für mich war das was anderes als für die. Das ist wirklich verrückt. Woran kann das liegen? Die Wissenschaft hat ja zig Theorien, wie ein Mensch süchtig wird,

0:07:09was es da für Faktoren gibt, die das beeinflussen. Ich glaube, bei mir waren das ganz viele Faktoren, die das einfach begünstigt haben. Mit Sicherheit die Situation zu Hause, einfach, dass ich es machen konnte, weil man gar nicht so, ich glaube, meine

0:07:35Eltern waren so mit sich selber beschäftigt, dass sie da vielleicht auch gar nicht so sensibel waren, dass sie Veränderungen bei mir gemerkt haben. Dann auch, weil wir es einfach bekommen konnten, es war verfügbar. Dann glaube ich auch, dass ich da schon immer ein natürliches Interesse für hatte.

0:07:42Dann sicherlich auch, dass ich da einfach ganz empfänglich führe. Resultierend aus dieser Zeit und dieser Situation, aber auch, weil ich so bin, wie ich bin. Es ist verrückt. Es gibt Theorien, die ja tatsächlich besagen, dass das genetisch auch ist, zumindest zum Teil. Heute denke ich, das ist zu einem bestimmten Teil tatsächlich. Kann ich das bei mir so nachvollziehen.

0:08:05Ich habe da einfach drauf angesprochen. Ich bin da so drauf angesprochen. Kennst du Verwandte innerhalb deines Umfeldes, die letztendlich auch irgendeine Art von Sucht haben oder hatten? Mein Opa hat getrunken, aber das ist kein Vergleich. Der war Stalingrad-Veteran.

0:08:22Der war ein traumatisierter Mann. Also ich würde das nicht vergleichen. Und sonst gibt es das so in der Form in meiner Familie nicht. Also ich habe viel Kontakt zu Süchtigen und das sind teilweise, das sind ganze Familien. Das sieht sich da so, also vom

0:08:55Vater zum Sohn quasi. Das ist bei mir nicht der Fall. Definitiv nicht. Und ich habe zu Hause auch einen gesunden oder normalen Umgang erlernt. Also in meiner In meiner Familie war das nicht normal, viel zu trinken. Das wurde mir so nicht vorgelebt.

0:09:21Wie fing es denn langsam bei dir an? Du sagtest gerade, du hast mit deinen Freunden immer zusammen alles probiert, alles zusammengenommen. Wann fing es denn an, dass du für dich gemerkt hast, da passiert irgendwas, was nicht richtig ist? Ich glaube, ich wusste es von Anfang an tatsächlich. Mit zwölf oder 13 die erste Zigarette, kurz danach dann Alkohol und dann auch relativ schnell schon Cannabis, außer in dem Alter.

0:09:24Und ich wusste vom ersten Mal, das ist es, was du gesucht hast. Also ich wusste auch ganz schnell, ich hätte das nicht in Worte fassen können, dass das irgendwas mit Sucht oder so ist, aber ich wusste, für mich ist das was anderes, als es für meine Freunde ist. Das war für mich ganz schnell klar. Für die war es okay, tageweise auszusetzen oder so. Und das habe ich ganz schnell gemerkt, dass ich da anders ticke. Dass das so für mich nicht funktioniert wie für die.

0:09:51Aber was hast du da gesucht? Ich fand das ganz spannend. Ich weiß gar nicht, was mich da so gereizt hat, aber es hat mich unglaublich gereizt. Was Verbotenes zu tun, das hat mich schon immer gereizt. Dann glaube ich auch zu merken, es gibt Dinge, die können machen, dass es dir gut geht. Du kannst da wirklich was für tun, dass du dich jetzt anders wirst. Ich glaube, das fand ich sehr hilfreich.

0:10:17Ich glaube, Menschen wie ich, da erfüllt das ganz viele Zwecke, ganz viele verschiedene Zwecke. Und irgendwann, umso größer die Sucht wird, umso mehr irgendwann erfüllt es alle Zwecke. Hast du Angst, nimmst du Drogen, kannst du schlafen oder kannst du nicht schlafen, nimmst du Drogen. Willst du wach sein, nimmst du Drogen. Das ist

0:10:45irgendwann die Antwort auf alles. Auf alle Fragen, die du dir stellst, ist das irgendwann die Antwort. Und ich glaube, die Fragen, die ich in dieser Zeit hatte, die in meinem Leben zu der Zeit groß waren, da hatte ich das Gefühl, die

0:11:08könnte ich damit für mich beantworten. Also ich hatte schon immer ganz schlimme Schlafstörungen als Kind. Und das war für mich ein Weg zu schlafen. Also es hat für mich in der Zeit, deswegen glaube ich, hat es mich da auch so gepackt, so viele Zwecke erfüllt einfach. Da konnte ich für mich ganz viel mit beantworten.

0:11:11Bist du auf die Suche gegangen, warum du nicht schlafen konntest? Als Kind? Als Kind nicht, nein. Nein. Zumindest nicht so, wie man das heute als Erwachsener machen kann oder machen würde. Wie könnte man das als Kind? Die Frage ist, warum ist dem kein anderer nachgegangen vielleicht?

0:11:29Nö. Ich glaube, ich war als Kind auch mit viel Energie. Also, meine Eltern haben das einfach zugelassen, das fand ich immer sehr schön. Also wenn ich nicht schlafen konnte, musste ich mich auch nicht ins Bett legen, sondern ich konnte dann leben, konnte dann sein. Das fand ich immer ganz gut.

0:11:47Ja, es gab dann einfach irgendwann eine Zeit, da war es für mich ganz schlimm, nicht schlafen zu können. Aber wie gesagt, das ist auch nur eine Facette davon. Mit Sicherheit auch, ich glaube, ich bin ein Denker und ein Gefühlsmensch und mit Sicherheit auch Sorge. Das ist ganz klar.

0:12:04Wer hat dir denn zum ersten Mal gespiegelt, dass dein Konsum in dem Ausmaß nicht unbedingt gesund ist? Also ich kann mich daran erinnern, dass ich das erste Mal ein Hilfegespräch

0:12:16in einer Suchtberatungsstelle wahrnehmen musste. Das haben meine Eltern initiiert. Da war ich 14 oder 15. Da haben meine Eltern gesagt, so Junge, wir müssen jetzt hier mal was machen.

0:12:28Ich war immer ein guter Schauspieler, vielleicht auch ein guter Lügner. Ich habe immer mehrere Leben gleichzeitig gehabt. In meiner Schule wusste man das nicht, oder die Lehrer wussten das nicht, die Mitschüler wussten das schon, aber das funktionierte immer alles. Ich kann mich auch an Situationen erinnern, da haben mir meine Freunde das schon früh gespiegelt.

0:12:50Junge, mach mal ein bisschen langsamer. Aber dann so wirklich krass, dann die Eltern mit 14, 15. Das war nicht mehr zu übersehen. Es war einfach da und jeder wusste Bescheid. Warum war es nicht zu übersehen? Es gibt von mir ein Foto an Weihnachten. Boah, wenn ich das heute sehe, da dreht sich mir alles um. Da ist meine Familie da und ich bin echt so total niedergeschlagen, total high, sitze ich da am Weihnachtsbaum. Das war der Zustand.

0:13:19Ich war dann so auch in meinem Alltag. Wer konsumiert, dem sieht man das irgendwann an. Meine Eltern haben natürlich auch mitbekommen, dass viele Sachen dann nicht mehr so liefen, auch wenn ich versucht habe, alles aufrechtzuerhalten. Egal ob Schule oder so, die Noten wurden natürlich nicht gerade besser. Man konnte es sich nicht mal ignorieren.

0:13:44Deine Eltern haben das nur über diesen Weg herausgefunden, also über den schulischen Weg? Oder haben sie langsam was geahnt, dadurch dass so ein bisschen ein Delirium war? Die haben bei mir Drogen gefunden, die haben bei mir eigentlich wöchentlich eine Bong aus dem Kleiderschrank gezogen. Ich habe zu Hause Pflanzen gehabt, also ich habe es immer und überall versucht. Ich war richtig süchtig, schon als Kind. Und mit allem, was dazugehört. Ich habe geklaut wie ein Rabe. Alles, was dazugehört. Wie du halt bist, wenn du ein süchtiger Mensch bist. Alles, was dazugehören

0:14:18kann. Was war denn der erste Schritt deiner Eltern, um dagegen zu lenken? Also mit Sicherheit erstmal irgendwelche Gespräche zu Hause. Als sie sich dann wirklich nicht mehr weiter wussten oder gedacht haben, das wird jetzt ja wirklich ernst mit dem Jungen, dann eben dieses erste Mal zur

0:14:50Beratungsstelle. Ja und dann sei es noch ein paar Jahre. Hast du das Ausmaß damit verstanden? Nein, habe ich das Ausmaß verstanden? Das ist eine gute Frage. Also wie gesagt, ich glaube schon, dass ich auch damals wusste, dass das nicht normal ist und dass ich mir damit auch nichts Gutes tue. Das glaube ich, das wusste ich schon. Aber wie gesagt, ich habe das für vieles genutzt und ich habe es auch dafür genutzt, meine Familie an den Tisch zu kriegen.

0:15:02Also wenn es Zeiten gab, da war ich der einzige Grund, weswegen meine Familie zusammen war. Und das war, wenn ich mal wieder steil gegangen bin, wenn es mal wieder einen Vorfall gab oder sowas. Meinst du mit Vorfall eine Überdosis? Nein, Vorfall in Form von, dass meine Eltern wieder was gefunden haben bei mir oder dass besorgte Eltern angerufen haben von meinen Freunden oder so eine Sachen halt. Wie haben deine Geschwister reagiert? Wie gesagt, meine Schwester hat sich, die ist zur Polizei gegangen, die ist schon mit 17

0:15:31dann relativ weit auch aus dem Elternhaus raus und weit verzogen, die ist dann quasi auf Abstand gewesen. Und mein Bruder, ich glaube, ihm hat es sehr zugesetzt. Zum einen, weil er erst zwei Jahre jünger als ich, der hat in dieser Zeit, glaube ich, nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die er auch gebraucht hätte, weil ich das alles auf mich gezogen habe. Ich glaube, er hätte mich auch mehr gebraucht in der Zeit als sein größerer Bruder, wo

0:16:00es zu Hause so schwierig war. Oder ich hätte mir gewünscht, dass ich da mehr hätte für ihn machen können, sage ich es mal so. Also er hat da sehr darunter gelitten, das weiß ich heute. Also auch in den späteren Jahren war er auch der, wo Leute aus meinem Umfeld, die ihn darauf angesprochen haben, was ist mit deinem Bruder los. Du hattest jetzt gerade davon berichtet, dass du dann

0:16:22letztendlich in der ersten Beratungsstelle warst. Du hast dir das angehört wie ging es dann weiter? Meine Eltern haben dann irgendwann gemerkt wir können da jetzt eigentlich gar nicht viel machen und es gab dann ein paar Jahre wo das glaube ich in dem Maß war wo es für alle Beteiligten einigermaßen zu ertragen war. Also ich habe dann viel Cannabis geraucht, viel getrunken aber habe mein Leben für den Außenstehenden sah es wahrscheinlich so aus, als ob ich es im Griff habe. Ich bin zur Schule gegangen, habe meinen Abschluss gemacht. Das funktionierte irgendwie.

0:17:02Es war immer wieder Thema. Auch die Sorge meiner Eltern war immer wieder Thema. Es ist immer punktuell durchgestochen. Wenn ich dann mal total über die Stränge geschlagen bin, Manchmal blitzt dann so auf, was da hinter der Fassade so los ist. Haben sich die Substanzen auch verändert über diesen Zeitraum? Ja, es sind dann immer mehr Substanzen dazugekommen.

0:17:30Ich habe eigentlich schon relativ früh genommen, was ich in die Hände gekriegt habe. Ich habe da eigentlich auch keine Hemmungen gehabt. Heroin zum Beispiel habe ich nie genommen, weil es auch in den Kreisen, wo ich so war, da war das nicht verfügbar einfach. Sonst habe ich eigentlich genommen, was ich gekriegt habe. Es wurden dann immer mehr Substanzen.

0:17:56Bei vielen Sachen war das so, dass sie dann einfach in mein Portfolio aufgenommen wurden. Welche Rolle haben deine Freunde in dem Moment gespielt, als diese paar Jahre waren, wo du irgendwie deinen Schulabschluss geschafft hast? Die haben auch konsumiert. Aber wie gesagt, die haben anders konsumiert als ich. Also die haben dann am Wochenende konsumiert und dann wieder nicht mehr.

0:18:20Und ich habe auch da meinen Freunden, die ich so liebe, da habe ich schon ein Doppelleben gehabt. Schon ganz früh habe ich dieses Doppelleben gehabt. Ich hatte den Konsum mit denen, aber ich habe auch vorher und danach schon konsumiert. Es hat sich dann 24 Uhr jeder nach Hause gegangen und ich habe dann zu Hause weitergemacht. Das wussten die so auch nicht in der Form.

0:18:37Sonst hätten die wahrscheinlich auch schon früher darauf eingewirkt. Die haben das später nicht akzeptiert, dass das so ist. Hattest du in dem Zeitraum eine Freundin, die das hätte mitbekommen können? Ja, ich hatte in der Zeit immer Partnerschaften und ich habe das komplett von den Ferken erhalten und wenn die mir auf die Schlicht gekommen sind, dann habe ich es eigentlich beendet. Es war für mich nicht möglich, das war einfach ein Dilemma.

0:19:05Natürlich mochte ich die, aber ich konnte mich in dem Moment auch nicht ändern. Ich habe für mich da keine Möglichkeit gesehen, das zu ändern und habe dann meine Partnerschaften deswegen tatsächlich aufgegeben. Und es wurde danach auch immer schlimmer. Solange ich auch einen Partner im Leben hatte, wo man einen geregelten Alltag zumindest ansatzweise hat oder zumindest vormacht, dass man den hätte, wenn das wegbricht, wenn du keinen Grund mehr hast aufzustehen, dann wurde es natürlich immer schlimmer. Wie ging es denn nach dem

0:19:40Schulabschluss weiter? Kannst du uns da einen groben Tag von dir skizzieren? Nach meinem Abschluss habe ich erst mal so ein soziales Jahr gemacht. Wo? In eine Einrichtung für Behinderte. Und das hat für mich natürlich auch den Zweck erfüllt, dass ich dann so ein

0:20:13bisschen rumkonsumieren konnte und ein bisschen so ein Lotterleben führen konnte. Das war natürlich ganz angenehm, aber auch um mich noch so ein bisschen zu finden irgendwie. Und da war das schon extrem. Da habe ich schon schon heftig konsumiert. Was meinst du damit

0:20:22heftig konsumiert? Wie kann ich mir das vorstellen? Also ich habe da schon täglich konsumiert. Also ich war da schon soweit, dass ich eigentlich immer konsumieren musste. Und das heißt, dass die Sucht hat mein Leben bestimmt und die hat sich so zumindest teilweise nach meinem Alltag gerichtet.

0:20:31Also ich musste da in der Lebenshilfe aufschlagen zum Beispiel. Das heißt, ich musste morgens irgendwie aus dem Bett kommen. Das habe ich noch einigermaßen auf die Reihe bekommen, aber ich habe vorher konsumiert. Ich habe manchmal auch da konsumiert. Wenn ich nach Hause gekommen bin, habe ich nur noch konsumiert und dann geguckt, dass ich mich am nächsten Tag da wieder hinschleppen kann.

0:20:46Also das war da schon, hat eigentlich mein Leben bestimmt. Wie hast denn du das alles finanziert? Ja, das ist eine gute Frage. Wie finanziert man das? Also ich war nie ein Verbrecher. Das war ich nie. Aber wie gesagt, ich habe geklaut wie ein Rabe, Betrügereien, man macht Schulden oder auch, dass man, ich würde es nicht Dealen nennen, aber man kauft was, verkauft es weiter, um einen Teil für sich zu haben, das schon. Was ist denn für dich ein Verbrecher?

0:21:16Ich wollte damit sagen, ich denke, dass das nochmal eine andere Güte hat. Einmal schwere Grad. Ich war kein Räuber oder so jemand, der anderen gewaltsam irgendwas wegnimmt oder so. Das nicht. Natürlich, wenn man was klaut, ist auch immer jemand geschädigt und Opfer in dem Sinne. Das schon, aber ich war nie gewalttätig oder sowas. So war ich nie. Wenn du geklaut hast, hast du dann eher so gegenüber Einkaufslehnen oder ähnlichem was geklaut oder auch Privatperson?

0:21:48Alles, alles was sich an Gelegenheiten ergeben geht. Also wenn du wirklich süchtig bist, wenn du süchtig, süchtig bist, dann kannst du dich nicht unterscheiden. Dann unterscheidest du nur nach Gelegenheiten und kannst da keine Rücksicht nehmen. Also, was in meinem Elternhaus war, das habe ich getrunken, geraucht, verkauft. Und was ich, wenn es ganz schlimm war, habe ich auch im Laden geklaut. Bist du denn früh ausgezogen dann oder warst du in dieser ganzen Zeit noch bei deinen beiden Eltern?

0:22:17Ich bin ausgezogen gar nicht so früh. Ich habe dann irgendwann eine Wohnung gehabt in einem Haus von meinem Vater. Und ausgezogen bin ich glaube ich mit 20 ungefähr. Und musstest du die Miete dafür auch tragen oder ging das so? Teils, teils. Das heißt also du warst auch nie finanziell jetzt ganz schlecht aufgestellt, aber es hat nicht gereicht, um so offen so viel zu konsumieren?

0:22:44So in der Art. leite aber ich habe verglichen mit anderen menschen wahrscheinlich immer gut was meine eltern konnten nicht gut versorgen sag ich mal so ich hatte meine eltern haben mich so unterstützen

0:23:10können dass ich alles machen konnte zu dieser zeit ja mir hätte es gut gehen können finanziell sag ich mal so jetzt muss ich mal ganz böse fragen warum haben deine eltern nicht dafür gesorgt, dass du einen Entzug machst? Wie sollen sie denn dafür sorgen?

0:23:17Es gab Situationen, soweit ich meiner Mutter begegnet bin, hat sie mich darauf angesprochen und gesagt, in deiner Leben, Junge, wir haben Angst um dich. Also das sollte nicht so rüberkommen, als wenn es diese Gespräche nur punktuell gab. Die wurden über die Zeit immer mehr und das Thema hat meine Familie komplett vereinahmt. Komplett. Also es gab irgendwann eigentlich nur noch das. Und meine Eltern haben mit Sicherheit alles versucht, was sie

0:23:42für sich an Möglichkeiten gesehen haben, um mich zu motivieren, um mich unter Druck zu setzen, was auch immer. Und ich glaube, sie haben zumindest immer alles so gut gemacht, wie sie es konnten. Heute weiß ich, dass mit Sicherheit einiges davon nicht hilfreich war, aber sie haben es gemacht, so gut sie es konnten und haben es hartnäckig versucht. Wie ging es denn nach dem sozialen Jahr weiter für dich? Nach dem sozialen Jahr bin ich nach Berlin gezogen und da habe ich studiert.

0:24:14Was hast du studiert? Dienstleistungsmanagement. Und ich bin da hingegangen, eigentlich um mich ein bisschen zu entziehen. Ich wusste, ich kenne da keinen. Da hat meine Sucht auch nochmal einen ganz großen Schritt gemacht. Ich habe da in einer großen WG-Kollegen, mit denen war ich jetzt nicht so eng. Und da hat keiner mehr auf mich geachtet. Also meine Jugendfreunde, jeder ist in Deutschland irgendwie in eine andere Richtung gezogen zum Studieren. Und ich

0:25:02bin nach *** gegangen. Und ja, ich glaube tatsächlich auch, dass ich dahin bin, weil ich da keinen hab, um da umweltlich zu sein, mich ein bisschen in der Kontrolle zu entziehen. Hat das einigermaßen geklappt mit dem Studium oder war das dann schon von Anfang an eine Herausforderung? Also für Menschen wie mich oder wie ich zu dem Zeitpunkt war es erstmal alles eine Herausforderung. Alles, was nicht mit Konsumieren zu tun hat, ist eine Herausforderung.

0:25:29Ich konnte mich immer so durchmogeln. Ich glaube, dass ich unter normalen Umständen dem Stoff immer gewachsen war und gewachsen gewesen wäre. Aber durch meinen Konsum war das schon seiltanz, da überhaupt aufzuschlagen. Ich habe auch immer in der Uni konsumiert und so eine Sache, weil es nicht anders ging. Es war für mich nicht anders möglich. Hast du das über das komplette Studium hinweg durchgezogen?

0:25:54Zu konsumieren? Ja. Auf jeden Fall. Und bis zu deinem Abschluss? Und das hat alles funktioniert? Mehr schlecht als recht. Also was ist schon funktioniert.

0:26:04Man äumelt sich so durch. Krass. Und hast du währenddessen auch gearbeitet? Nein. Okay. Nein. Also ich habe eigentlich nur konsumiert. Und ich würde sagen, das Studium,

0:26:16ja, es ist mir irgendwie zugefallen. Es ist jetzt nicht so, dass ich da mit wehenden Fahnen durch bin oder so. Wie ging es dann weiter für dich? Ich bin dann mal wieder geflüchtet eigentlich. Ich bin nach Tansania gegangen für ein Jahr und war da einfach ein Jahr. Mit welcher Intention bist du dorthin?

0:26:38Ich wollte da, ich habe da ein Praktikum gemacht. Das ging aber nur zwei oder drei Monate oder sowas. Und habe dann ein paar Mal mein Visum verlängert und bin da einfach versackt, möchte ich sagen. Ich habe da meine Zeit verbracht und habe auch da einfach konsumiert. Aber wie hast du dich denn in diesem Zeitraum dann dort finanziert? Also ich habe Unterstützung von meinen Eltern bekommen, aber hatte da auch Jobs. Okay, also Work and Travel so ein bisschen.

0:27:06Genau. Okay, alles klar. Und wie ging es dann weiter? Dann bin ich zurückgekommen und habe hier überhaupt nicht mehr ins Leben gefunden eigentlich. Also ich bin hier angekommen. Erstmal hatte ich keine Wohnung, ist ja klar, ich hatte vor alles gekündigt. Und habe mir dann eine Wohnung gesucht in so einem Stadtteil oder in einem kleinen Ort ein paar Kilometer weiter.

0:27:27Und auch da bin ich eigentlich nur wieder hingezogen, weil ich da meine Ruhe habe. Also ich bin zurückgekommen und da hat man glaube ich echt gemerkt, der ist durch. Also ich habe da in Afrika einfach ein Jahr lang nur getrunken und Drogen genommen. Und ich glaube, das hat man mir angemerkt. Und der Druck von meiner Familie und von meinen Liebsten wurde dann auch größer,

0:27:54dass ich irgendwie was machen muss, dass ich irgendwie mein Leben in den Griff kriegen muss. Und meine Antwort war darauf, mich zu entziehen. Und bin dann halt nach der *** genommen, um da meine Ruhe zu haben und weg zu sein. Also ich kann jetzt nur von mir sprechen, aber meine Zeit im Studium hat sehr viel für mich auch mit Selbstidentifikation zu tun gehabt und sich selbst zu entwickeln und lernen zu entfalten.

0:28:20Hattest du das Gefühl, dass du das auch machen konntest währenddessen? Nein, nein, überhaupt nicht. Also ich habe da schon so tief in meiner Sucht gesteckt. Für sowas gab es keinen Platz. Es gab eigentlich nur die Drogen und den Alkohol. Das heißt, der Alltag, der wichtigste ist, du stehst auf, besorgst Geld, konsumierst.

0:28:42Und alles, was noch an Zeit da war, habe ich dafür aufwenden müssen, Energie noch ins Studium zu stecken. Und das war es. Mehr ist da eigentlich nicht über. Das war auch eine Zeit, da hatte ich keine Partnerin zum Beispiel. Da habe ich auch nicht großartig Zeit für meine Freunde aufbringen wollen, würde ich sagen, weil ich die für den Konsum brauchte einfach, diese Zeit. Wie kam es zu deinem ersten Entzug?

0:29:07Da musst du unterscheiden. Meinst du mit Entzug, dass man entzügig ist, oder meinst du, man geht in eine Einrichtung und lässt sich helfen? Ich würde sogar noch einen Schritt weiter vorne anfangen. Wann kam dann für dich der Moment, in dem du verstanden hast, du musst hier was ändern? Das muss so in etwa gewesen sein vor zehn Jahren. Da bin ich das erste Mal in den Zug gegangen.

0:29:30Und da war das tatsächlich so, dass der Druck von außen wurde einfach immer größer. Meine Familie wollte es nicht mehr akzeptieren. Meine Freunde haben gesagt, Alter, das geht so gar nicht mehr. Und ich habe dann, ich habe zu der Zeit auch nicht mehr viel gehabt. Eigentlich. Ich habe da in meiner Wohnung gehaust und habe eigentlich sonst alles verloren, was man so hat im Leben.

0:29:49Und ich war aber noch nicht so weit. Ich wollte da eigentlich gar nicht hin und bin dahin, weil der Druck von außen so groß wurde. Und ich bin damals in eine Einrichtung gegangen, also in einem Krankenhaus war das. Das heißt qualifizierter Entzug, das geht 14 Tage. Und Menschen wie ich, da reichen 14 Tage nicht. 14 Tage ist ein Witz, 14 Tage ist einfach mal gar nichts. Da wirst du einigermaßen körperlich wieder ins Lot gebracht und dann wirst du wieder auf die Straße gesetzt.

0:30:17Also das ist gar nichts. Ich bin auch auf dem Heimweg quasi wieder rückfällig geworden. Also das war einfach nicht genug für mich in der Zeit. Wie alt warst du da? 26. Krass, also wenn du mal überlegst, du warst dann schon die Hälfte deines Lebens eigentlich drogenabhängig und dann sollen 14 Tage das ausrichten.

0:30:37Ja, das war quasi das, worauf ich die runtergehandelt habe. Also man sagte mir natürlich, ich soll in irgendeine Einrichtung für einen längeren Zeitraum, aber das war so das absolute Minimum, mit dem ich mich anfreunden konnte. Da habe ich die volle Breitseite von meiner Sucht bekommen. Die letzten Jahre, der Alkohol hat mich echt fertig gemacht. Ich war dann so schwer abhängig, dass ich immer gekrampft habe.

0:31:03Man stellt sich das so vor, ein Süchtiger braucht seinen Stoff und wird dann verrückt und besorgt sich seinen Stoff. Oder es ist irgendwas falsch in seinem Kopf und er will einfach nur nicht doll genug. Und diese ganzen Vorurteile bei mir waren de facto so. Und so ist es bei vielen Seufern. Wenn du nichts zu saufen hast nach acht Stunden, dann kippst du aus den Naschen.

0:31:20Punkte hinaus. Und da hast du dann auch nicht mehr mitzureden, ob du das willst oder ob du das nicht willst. Dein Körper sagt einfach, jetzt ist Feierabend, wenn du nicht trinkst. Wie zeigt dir das dein Körper? Fällst du in Ohnmacht oder was passiert? Ja, bei mir war das so.

0:31:33Ja, de facto. Bei mir war das so. Ich bin einfach umgefallen und war außer Gefecht. Ich bin dann irgendwann wieder zu mir gekommen. Zu der Zeit war das meine Realität. Da hast du dann nicht mehr mitzureden, ob du das möchtest. Die Entscheidung, ob du konsumierst oder nicht, die trifft da in dem Moment der Alkohol. Auf jeden Fall war ich dann im Entzug und habe da dann auch wirklich die Breitseite bekommen. Ich habe da einen schweren Entzug gehabt, also wirklich fies.

0:32:10Als du auf dem Rückweg schon wieder konsumiert hast, was hat das mit deinen Gedanken gemacht? Du sagtest ja, dass du gar nicht bereit dafür warst und einfach wegen des Drucks von außen den Entzug gemacht hast. Aber hast du dir da mal Gedanken darüber gemacht, dass deine Eltern, deine Familie, deine Freunde über dich denken könnten? Ehrlich gesagt nein. Das war nicht meine Entscheidung reinzugehen. Für mich hat sich das nicht wie ein Versagen angefühlt, weil ich nicht die Entscheidung, also ich habe für mich nicht den Entschluss

0:32:38gefasst, ich möchte sauber werden, habe es aber leider nicht geschafft. Das muss man glaube ich unterscheiden. Für mich war das von Anfang an eine kurze Zeit, die ich da verbringe, um dann weiterzumachen wie auch vorher. Zu dieser Zeit war ich an einem Punkt, das habe ich da nicht so gesehen, aber heute würde ich das so sehen, da habe ich mich komplett aufgegeben. Da habe ich für mich die Möglichkeit, die war nicht mehr da, wieder normal zu leben.

0:33:05Ich dachte zu der Zeit, dass ich den Absprung verpasst habe und dass ich das jetzt noch ein paar Jahre mache und das war es dann. Das heißt, du hast dich selbst aufgegeben? Ja, schon vorher. Also schon ein, zwei Jahre vorher. Ich habe da für mich keine Möglichkeiten mehr gesehen. Aus eigener Kraft sowieso nicht.

0:33:24Und es gab auch kein Szenario, wie ich da eine Möglichkeit sehen konnte, für mich rauszukommen. Hat dein Umfeld dir nicht das Gefühl geboten, dass du zumindest für die kämpfen müsstest? Die haben alles versucht. Die haben wirklich, wirklich alles versucht. Das könnt ihr euch nicht vorstellen. Das meine ich gar nicht.

0:33:47Sondern ich meine... Ob ich das von mir heraus nicht hatte, habe ich auch das für dich zu tun. Genau. Kam von dir aus nicht das Gefühl auf, dass wenn du schon nicht für dich kämpfst, dass du zumindest für die Menschen, die dich lieben und so hart für dich kämpfen, mitkämpfen muss? Ich glaube, wenn du an einem Punkt bist, wie ich damals war, dass du dich so

0:34:11aufgegeben hast, dich so selber aufgegeben hast, der Punkt, an dem du deine Freunde und deine Familie aufgibst, der ist schon weit aus vorher gewesen. Also der Zeitpunkt, wo ich mir gedacht habe, für meine Freunde schaffe ich es nicht mehr, der war wahrscheinlich schon Jahre vorher. Ich glaube, dass der Punkt, wo du sagst, um einen zu wünschen, schaffe ich es nicht mehr, das ist das große Finale. Das ist das große Eingeständnis. Ich war dann wieder unterwegs.

0:34:39Es ging dann nochmal ein Jahr rum. Da bin ich dann nochmal in die gleiche Anrichtung gegangen. Im Endeffekt war es das gleiche Szenario. Mein Umfeld hat einfach den Druck erhöht. Geh doch nochmal dahin, versuch es doch nochmal. So was halt. Und da bin ich dann nochmal hin. Und da war das schon ganz schlimm. Zu der Zeit hatte ich einen gebrochenen Arm. Also mein Arm war so an den Bauch gebunden, weil ich besoffen von der Leiter gefallen bin. Also das wurde langsam immer schlimmer, das mit den Krampfanfällen wurde immer schlimmer.

0:35:16Und ja, hab's dann auch nach dem zweiten Mal nicht angenommen. Ging das wieder nur zwei Wochen? Ja, genau, das war das gleiche Format. War es dann auch so, dass du in der Zeit einen Job hattest? Nein, da konnte ich schon lange nicht mehr arbeiten. Also da war ich ganz weit entfernt von dem Job haben. Also ich

0:35:43habe zu der Zeit ganz aktiv nichts gemacht. Also manchmal frage ich mich heute, wenn ich Menschen sehe, die obdachlos sind oder so, wie kann das passieren? Und heute weiß ich, ich war da ganz knapp davor, also ich

0:36:10konnte noch nicht mal mehr meine Jobcenter-Gänge hinkriegen. Also das Das war für mich eigentlich nicht mehr möglich. An einen Job zu denken, das ist völlig keine Chance. Ich habe mir da Momente ausgemalt, in denen ich dachte, ich könnte das. Ich habe mich auch beworben, habe auch Jobs bekommen.

0:36:36Ich bin da manchmal nicht einmal aufgeschlagen, weil ich das de facto in der Realität umsetzen konnte. Das war für mich nicht mehr möglich. Wenn du morgens aufwachst, du hast nix zu saufen, dann kannst du nicht zur Arbeit gehen. Dann musst du was zu saufen besorgen, sonst kriegst du was in den Latschen. Wenn du was zu saufen hast, bist du morgens so besoffen, dass du nicht zur Arbeit gehen kannst.

0:36:55Verstehst du? Das geht nicht mehr. Also Jahre vorher konnte ich noch irgendwo aufschlagen mit so einem Minimalpegel und nicht durch den Alltag kämpfen, aber das war dann nicht mehr möglich. Nach dem zweiten Aufenthalt, wie ging es dann weiter? Noch mal schlimmer als vorher.

0:36:56Nach jedem Aufenthalt war es danach noch schlimmer als vorher. Vielleicht habe ich es als erneute Niederlage verstanden, dass es mich dann noch weiter runtergezogen hat. Und dann gab es ein paar Ereignisse, die dafür zugeführt haben, dass ich dann in eine richtige Einrichtung gegangen bin. Welche Ereignisse? Das war so, dass ich

0:37:43war in meinem Elternhaus bei meiner Mutter wegen meinem Geburtstag. Ich hatte Geburtstag und hatte eigentlich geplant, dass am nächsten Tag ein paar Freunde kommen, mich besuchen. Ich habe dann schon eingekauft, den ganzen Kram, wenn meine Freunde kommen können. Und dann ist das passiert, was passiert, wenn ein Trinker

0:37:43ganz viel Alkohol im Haus hat, der trinkt. Und ich habe auch noch Tabletten genommen und Kokain genommen. Und da hat meine Mutter mich gesehen, wie ich dann bin. Also sie hat einmal mich komplett gesehen, wie ich bin. Da konnte ich die Fassade nicht aufrecht halten. Da hat man das komplett gesehen. Dann hat sie es nicht mehr hingenommen.

0:38:12Sie hat dann eigentlich nur noch geweint. Bis ich dann so Eingeständnisse gemacht habe. Das war dann so, dass sie... ich habe bei ihr entzogen erst mal. Hab dann von da aus mich darum gekümmert, dass ich einen Therapieplatz bekomme. Der war auch ein bisschen

0:38:59weiter entfernt, also ich wollte ja auch nicht sein und hatte damit für mich aber noch gar nicht abgeschlossen. Also ich habe mir gedacht, ich mache das jetzt, damit es meiner Mutter besser geht. Aber es war nicht so, dass ich das Gefühl hatte, ich bin jetzt durch mit dem Thema.

0:38:54Dann bin ich in eine Einrichtung gegangen. Die haben ein Programm, das geht neun Wochen. Auch das viel zu kurz. Da bin ich dann mal neun Wochen richtig ausgenüchtert. In diesen zwei Aufenthalten im Krankenhaus, wo ich vorher war, bekommst du auch die ganze Zeit Tabletten.

0:39:13Ernüchternd war ich da so gesehen auch nicht. Dann war ich in dieser Einrichtung über mehrere Wochen und bin mal wirklich wach geworden. Habe mich mit mir selber auseinandersetzen können. Aber auch da, ich habe heute wie gesagt

0:39:49sehr viel Kontakt zu Menschen, die süchtig sind, die heute abstinent sind. Die sagen, dann gab es diesen Moment und dann hat es Klick gemacht. Den hatte ich nicht. Die hatte keinen Klick-Moment. Ich bin dann rausgekommen und habe mir gedacht, ich versuche das jetzt einfach mal.

0:39:46Und umso mehr Tage ich geschafft habe, umso größer wurde das Klicken. Im März nächsten Jahres bin ich neun Jahre sauber. Und ja, hätte ich nicht gedacht, dass ich mal der Mensch werde, der ich heute bin. Dass ich die Dinge habe, die ich heute habe, das hätte ich mir nicht erträumt. Wenn du heute an den Tag sich zurückerinnerst, soweit man sich daran erinnern kann, ich weiß es nicht, wo deine Mutter dich so aufgefunden hat, was löst das heute in dir aus?

0:40:22Ja, es war unglaublich schlimm. Das hört sich jetzt irgendwie kalt an, aber für mich war dieser Tag nicht anders als andere Tage. Für Sie war es das, für mich war es das nicht. Erstens von meinem Konsum her war es so wie immer. Und von dem Drama war es so wie immer. Also für mich war das, ich hätte nicht gedacht, dass das der Anfang ist von Veränderungen.

0:40:44Also nur anhand von diesem Tag. Das soll sich nicht so anhören, als wäre mir das zu dem Zeitpunkt egal gewesen. Aber es hat sich in der Dramatik nicht abgehoben. Das war die ganze Zeit so schlimm. Ich dachte nur, das wäre jetzt die nächste Eskalationsstufe. Es würde jetzt einfach nur noch schlimmer werden, wie sonst halt auch die ganze Zeit. Ich würde jetzt wieder irgendwas machen, würde dann nach Hause kommen, noch niedergeschlagener sein als vorher und es würde noch mal in eine andere Richtung eskalieren

0:41:16oder so. Ich habe das nicht kommen sehen. Und auch da in der Klinik habe ich, ich war da irgendwann in so einem Modus, die so nach der Hälfte, wo ich das total genossen habe da zu sein und auch ein bisschen so zu sein, wie ich das heute bin. Da mal so dran zu riechen.

0:41:34Wie bist du denn heute? Ich bin gesegnet. Ich bin echt gesegnet. Ich habe eine tolle Partnerin. Ich habe einen tollen Job. Ich habe eine tolle Familie. Ich habe tolle Freunde. Ja, also ich habe eigentlich alles. Ich kann mir morgens überlegen, was ich machen möchte und das kann ich dann machen. Wenn ich mir vorgenommen habe, ich mache das, dann mache ich das auch. Also Herr über mich, über meinen Körper zu sein, über meine Sinne zu sein und

0:42:06Dinge nicht mehr tun zu müssen, weil ich sie tun muss oder weil ich denke, dass ich sie tun muss. Frei zu sein in meinem Handeln, das ist was ganz Tolles. Ja, das genieße ich sehr. Was war deine erste Erkenntnis, als du in diesem Entzug warst? Also ich glaube in diesem Moment, also in der Therapie, in der finalen Therapie und auch in den Entzügen vorher,

0:42:39da wird dir noch mal richtig bewusst, wie scheiße dein Leben ist. Wie komplett scheiße dein Leben ist. Das wird dir da eigentlich klar. Also ich habe mich da noch nicht mal getraut, mir zu wünschen, dass es anders sein könnte. Da war ich so weit von entfernt. Ich hätte mir das nicht vorstellen können, dass ich das Ruder noch mal rumreißen kann. Aber du sitzt dann da mit deinem Talent und dir wird einfach klar, wie beschissen dein Leben ist.

0:43:07Welche Rolle haben deine Freunde gespielt, als du in der Klinik warst? Also die haben vorher auf meinem Weg schon ganz viel für mich gemacht. Ich glaube, die haben alles für mich gemacht, was Freund und Freund machen können, wirklich alles. Die haben mich in einer Klatsche abgeliefert.

0:43:46Ich bin abgehauen, die haben mich eingesammelt, haben mich hingebracht, vor der Tür gewartet. Die haben mit meiner Familie das Gespräch gesucht, ständig, immer. Ich bin mal wieder sonst wo hingezogen, die haben mich ausgemacht und haben versucht mich da auszuholen. Die haben alles gemacht, was Freunde machen können. Und ja, vielleicht ist das auch der Unterschied zwischen mir

0:44:17und den Menschen, die es nicht schaffen, dass ich Freunde habe, dass ich Familie habe, die mich da immer unterstützt haben. Ja, also ohne wäre es nicht gegangen. Die Rechtsarbeit macht man dann selber oder muss man selber machen. Aber ich glaube, hätten die mich aufgegeben, wenn du dann so gar nichts mehr hast, du kommst aus der Klinik, du warst dann da einen Zeitraum X und kommst dann raus. Sauber werden kann jeder, aber sauber

0:44:28bleiben ist das Problem. Und wenn du wiederkommst, kommst du erst mal in die gleiche Situation wie vorher. Es hat sich ja erst mal gar nichts verändert. Du kommst in die gleiche Abfackwohnung, dein Leben ist immer noch scheiße,

0:44:46du bist immer noch pleite, alle Leute sind immer noch sauer auf dich. Es ist erst mal nichts anderes. Und diesen Zustand dann erst mal auszuhalten, das ist ganz schwierig. Also die erste Abstinenz- zeit ist einfach aushalten.

0:44:51Du musst das einfach ertragen für einen Moment. Was war denn dein härtester Kampf, nachdem du abstinent geworden bist? Der härteste Kampf, also die eigentlich große Herausforderung, um abstinent zu bleiben, ist meiner Meinung nach, du musst dein Leben schaffen, was du abstinent ertragen kannst. Nicht nur ertragen, sondern was du gerne lebst. Das ist das wirklich Schwere. Also du kommst da raus, hast dieses Drecksleben und musst es schaffen, während du die ganze Zeit

0:45:22diesen fucking Entzug hast, dir ein Leben zu schaffen, wo du gerne sauber bist. Also dieser Zustand, das auszuhalten, der geht nur eine bestimmte Zeit. Du hältst den am Anfang aus, aber das zermahlt dich mit der Zeit, wenn du das einfach nur aussitzt. Das heißt, du musst es schaffen, dir im Leben Dinge zu erarbeiten, die du dem entgegenstellen kannst. Dass du dann tatsächlich für dich sagen kannst, ich möchte die Beziehung zu meinen Freunden nicht wieder gefährden. Das heißt, du musst erstmal alles begradigen. Du musst da auch keinen Tisch machen. Das dauert

0:46:11noch ein bisschen, aber dann irgendwann einen Job zu haben und sagen zu können, jetzt hier zu konsumieren wäre es nicht wert. Ich würde das wieder verlieren, was ich da habe. Viele Leute, die ich gesehen habe, die brechen vorher

0:46:40zusammen, weil die es nicht schaffen, sich was auf der Haben-Seite zu Seite zu arbeiten und dann wird es schwierig. Das ist der größte Kampf gewesen. Der größte Kampf ist tatsächlich, sich ein Leben aufzubauen. Du fängst ja bei null an.

0:47:06Du fängst nicht mit einem guten Job als Akademiker an, sondern du fängst an als sonst was. So eine Geschichte. Dann natürlich sich auch irgendwie ein Netz aufzubauen. Ich habe für mich die Selbsthilfe entdeckt. Ich bin aus der Klinik gekommen und habe in einem wachen Moment bei einer Selbsthilfegruppe angerufen und gehe seitdem in Selbsthilfegruppen.

0:47:05Das ist, glaube ich, eine Säule meiner Abszidenz, sind diese Selbsthilfegruppen, ohne die ich das mit Sicherheit nicht so geschafft hätte. Unglaublich wichtig. Möchte ich jedem empfehlen. Jeder der sich irgendwie in einer schwierigen Situation befindet oder halt Probleme mit Sucht hat, geht

0:47:41in Selbsthilfegruppen. Nach deiner Abstinenz, was hast du an deinem Körper neu entdeckt, was du verloren hast? Erst mal überhaupt den Körper zu spüren, dann aber auch Verlässlichkeit, also dass mein Körper wieder funktioniert. Also ich glaube, ich habe überhaupt meinen Körper entdeckt, wenn man das mal so sagen

0:47:47kann. Also man verliert, wenn man so eine Zeit hat, wie ich sie hatte, verliert man den Bezug zu sich selber verliert, verliert man auch zu seinem Körper. Und das geht komplett verloren. Und ich mache gerne Sport seitdem. Ich glaube, das hat auch was damit zu tun, seinen Körper irgendwie, dass man da zum einen sich was Gutes tut,

0:48:19aber auch sich wahrnimmt. Aber das sind Sexualität, auch sowas muss man entdecken, muss man neu entdecken. Ja, Liebe zu sich selber, was halt eben auch der Körper ist. Wie viele Jahre warst du insgesamt abhängig? Also nach meiner Auffassung bin ich den Rest meines Lebens abhängig. Konsumiert habe ich 15 Jahre, 14, 15 Jahre so.

0:48:52Du hast vorhin gesagt, du konntest während deiner Studienzeit deine eigene Identität nicht entwickeln oder dich damit auseinandersetzen. Wann würdest du sagen, ist das passiert oder ist das überhaupt schon passiert? In meiner Abstinenz. Mit Sicherheit, ja. Ich glaube, dass ich ganz viele fundamentale Entwicklungsschritte eines jungen Erwachsenen

0:49:21nicht gemacht habe oder nicht gesund durchlaufen. Ich glaube, da ist ganz viel auf dem Weg geblieben in der Zeit. All die Themen, die so groß sind in dem Alter, da hatte ich gar keine Zeit für mich damit zu beschäftigen oder keinen Kopf dafür, weil meine Sucht so groß schon war und so viel Aufmerksamkeit von mir brauchte, dass ich sicherlich ganz viel da, was meine Persönlichkeit betrifft, nicht ausbilden konnte, nicht finden konnte.

0:49:53Das ist, glaube ich, erst danach passiert. Hast du dich bei deinen Eltern oder bei deiner Familie und deinen Freunden dafür entschuldigt? Für den, den du einmal warst? Ich weiß nicht, ob Nichtswichtige das nachvollziehen können oder Menschen, die durch so ein Leben oder so eine Zeit hatten wie ich. Wofür soll ich mich entschuldigen? Dafür, dass du so viel Leid den Menschen zugefügt hast, für das du verantwortlich warst? Ich weiß nicht, ob ich das...

0:50:28Also... Es gibt... Ich habe mich bei sämtlichen Menschen für bestimmte Dinge entschuldigt. Aber ich kann mich nicht dafür entschuldigen, dass ich bin, wer ich bin,

0:50:40dass ich war, wer ich war, dass ich krank bin, mit Sicherheit nicht durch... Also ich habe mit Sicherheit viel dafür getan, dass es so weit gekommen ist. Das will ich nicht... Ich will da meine Beteiligung mit Sicherheit nicht kleinreden.

0:50:53Aber es kommt dann mit der Zeit auch, ich will bei Gott niemandem die Schuld für irgendetwas geben. Aber ich frage mich dann auch, ob es nicht auch Faktoren gab, die das begünstigt haben, für die sich dann andere entschuldigen müssten. Hast du dir selbst vergeben für die Person, die du beidem hast? Heute ja. Heute ja.

0:51:17Und auch für die Dinge, die ich getan habe. Heute ja. Heute ja. Ich habe heute meinen Frieden mit mir und mit den Dingen, die ich gemacht habe. Mit Sicherheit auch, weil ich die Dinge, wo ich das Gefühl hatte, ich müsste mich dafür entschuldigen, das habe ich getan.

0:51:32Und ja, mit allen anderen Dingen muss man sich halt selber arrangieren. Da muss man selber seinen Frieden mit finden. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, sich damit zu arrangieren und damit seinen Frieden zu finden. Sonst bist du da nie durch. Das hat aber lange gedauert, bis ich das konnte. Die ersten Jahre jagen einen so Fragen, wie konnte es so weit kommen

0:52:19und woran lag das, was war der Grund. Also die Suche nach dem Grund, ich kenne so viele, die das haben, habe ich aufgegeben. Das war das Beste, was ich machen konnte, das aufzugeben. Das kann ich euch sagen. Ich glaube, den Grund gibt es nicht. Irgendwann konsumiert

0:52:34man, weil man süchtig ist. Die Frage, wenn man solche Krampfanfälle hat, die ich hatte, dann geht es nicht mehr darum, wie deine Kindheit war. Das ist eine völlige Wumpe. An diesem Punkt konsumierst du, weil du süchtig bist. Alles andere hat vielleicht dazu geführt oder hat es begünstigt, das mag schon sein. Aber ich glaube, diese Vorstellung, dass man dann irgendeinen Kindheitstrauma löst und dann ist die Sucht weg, das ist naiv. So funktioniert das Leben nicht und so funktioniert auch diese Erkrankung nicht.

0:53:08Ich glaube, da bin ich für mich sehr realistisch. Ich weiß, dass wenn ich heute konsumieren würde, dann würde das alles von vorne beenden. Genauso wie es war. Deswegen ist es für mich die einzige Art, mein Leben zu gestalten, komplett abstinent zu leben. Ich persönlich denke, das ist der Weg.

0:53:29Das muss jeder für sich selber entscheiden. Es gibt da mehrere Ansätze. Aber für mich funktioniert es nur, gänzlich abstinent zu leben. Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich nehme nichts und damit lebe ich gut. Gibt es etwas, was du bereust in deinem Leben, was du getan hast? Es gibt viel, was ich bereue. Es gibt sehr, sehr viel, was ich bereue. Was ich anderen

0:53:50angetan habe, vor allem was ich mir angetan habe. Ich hätte mir vieles ersparen können, aber ich würde nicht ohne meine Erkrankung leben wollen. Ist das nicht verrückt? Also ich würde es nicht mehr missen wollen. Es ist irgendwie so ein großer Teil von mir geworden, aber anders als früher. Früher war das so, dass mich das gefressen hat. Das ist heute nicht mehr so. Und ich würde es heute nicht mehr missen, diesen Teil von mir. Wo mich das hingeführt hat und was es mit mir gemacht hat. Also auch in Form von Entwicklung, wie ich mich dadurch entwickeln konnte.

0:54:36Es gibt immer diesen abgedroschenen Spruch, ich wäre nicht der, der ich bin. Aber es ist wahrscheinlich so. Wenn ich das nicht so durchlaufen hätte müssen, dann wäre ich jetzt nicht der, der ich bin. Aber ich habe da meinen Frieden. Das heißt auch, dass ich mich den Rest meines Lebens damit arrangieren muss, dass ich halt nur mal süchtig bin.

0:54:57Wenn das so bleibt, wie es jetzt ist, dann sei es so. Hast du deine Partnerin kennengelernt, als du schon abstinent warst? Ja, genau. Sie kennt mich nur sauber. Sie kennt mich nur abstinent. Ich glaube, für sie ist es ganz schwer das

0:55:15manchmal nachzuvollziehen. Sie unterstützt mich, sie geht da voll mit, aber greifen kann sie es nicht. Wann hast du das gesagt? Bei unserem ersten Treffen. Ist es dir das schwer gefallen oder war es für dich klar, dass du direkt reinen Tisch machen möchtest? Mir war klar, dass ich direkt einen Tisch machen möchte. Schwer gefallen ist mir selbstverständlich. Man gibt ja was unglaublich intimes Preis. Aber ich glaube es hat auch was mit

0:55:48Selbstschutz zu tun. Also wenn man das so direkt kommuniziert, dann kommt man auch nicht in komische Situationen. Da muss man sich dann später nicht erklären oder sonst was. Also ich bin fahre da eigentlich ganz gut mit. Ich bin keiner von den Abstinenten, die das jedem überall aufs Brot schmieren, aber es gibt Menschen, die sollten das wissen. Das hat auch was mit der Sicherheit für mich zu tun.

0:56:15Gerade bei der Partnerwahl, wenn die damit nicht geklagt haben, ich kann es ja nicht wegmachen. Wenn das der Punkt ist, wo es daran scheitert, dann hat es keinen Sinn. Ich weiß nicht, wie beruflich du unterwegs bist, aber ich bin häufig der Situation ausgesetzt, dass mir immer wieder Alkohol angeboten wird und ich dann immer sage, nein, ich trinke nicht.

0:56:39Und dann ist das immer so, warum? Was steckt dahinter? Was ist dein Warum? Wie gehst du damit um? Habe ich eigentlich nie, dass ich mich erklären muss. Also ich glaube, es hat vielleicht auch was mit meinem Auftreten zu tun. Jemand

0:56:55fragt mich und ich sage nein. Und dann frag ich eigentlich nie nochmal nach. Ich glaube man darf das heutzutage einfach. Ich glaube heute nicht zu trinken ist nicht mehr so wie das vor 20 Jahren war. Diverse Gründe kann das haben und ich

0:57:24muss mich da unglaublich selten für erklären. Und wenn jemand nachfragt, dann entscheide ich, was ich demjenigen für eine Erklärung gebe. Ich kann mich nicht selbst verleugnen und wenn man nicht fragt, ob ich süchtig bin, dann würde ich sagen, das ist ein Ja. Das ist die rote Linie, das geht nicht.

0:57:27Aber ansonsten entscheide ich das immer nach dem Bauch heraus, was ich preisgebe oder was ich nicht preisgebe. Ich erzähle gerne die etwas sanftere Geschichte, ich habe früher sehr viel getrunken und jetzt trinke ich nichts mehr. Damit lasse ich das gut sein und die meisten lassen es damit auch gut sein. Ich bin sonst dafür bekannt, ich achte auch auf meine Ernährung und so. Ich glaube viel länger, es ist ein Gesundheitsding oder so etwas.

0:57:54Dann kommen da gar nicht so viele Fragen mehr auf. Aber ich muss mich eigentlich fast nie dafür, also wirklich tiefer gehen. Was würdest du den Menschen empfehlen, die sich aktuell in einer Sucht befinden, aber noch nicht diese Einsicht haben, dass sie weg von der Suchtstand sein müssen? Also die Einsicht, die kann man niemandem zukommen lassen. Die Einsicht, die muss man für sich selbst finden.

0:58:22Die findet jeder, glaube ich, an seinem ganz persönlichen Tiefpunkt. Also eine Einsicht kann man niemandem geben. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, einmal zu sagen, dass es tatsächlich nicht zu spät ist. Man kann immer

0:59:00abstinent werden und es lohnt sich auch immer. Ich habe für mich persönlich gedacht, es gibt kein Leben mehr danach und mein Leben hat eigentlich danach erst begonnen. Ich war der hoffnungslose Fall und wir bei uns in der

0:59:05Gruppe sagen, es gibt keine hoffnungslosen Fälle, jeder kann es schaffen und das ist wahr. Jeder kann es schaffen und es lohnt sich auch für jeden und jeder sollte es versuchen. Wer morgens aufwacht und das Gefühl hat, heute kann ich mir Hilfe suchen. Der sollte zum Telefon greifen, in der Suchtberatung anrufen,

0:59:17in der Beratungsstelle, irgendwelcher Art. Sollte zu seinem Arzt gehen oder was auch immer. Ist eigentlich völlig egal, was er macht. Und da wird man ihm weiter vermitteln oder wird man ihm irgendwie Kontakte geben. Mach, was auch immer du machen kannst und tu das. Bei euch in der Gruppe? Ja, unbedingt. Was können wir uns darunter vorstellen? Wir treffen uns hier

0:59:41in diesen Räumlichkeiten einmal die Woche und ja über mehrere Internetseiten wird unser Angebot beworben bzw. es ist da eine Nummer drin, meine Selbsthilfenummer und wer Interesse hat kann anrufen und ist hier herzlich willkommen. Was würdest du denn Angehörigen empfehlen, wenn sie damit konfrontiert sind? Also ich glaube, ich würde empfehlen, sich auch Hilfe zu suchen und zwar für sich selber. Man kann nicht für den anderen Hilfe suchen, das funktioniert nicht.

1:00:12Man wird ihm auch keine Einsicht schenken können, gibt ihn nicht auf. Aber manchmal heißt das auch, sich abzuwenden für eine Zeit. Hättest du dich selbst von dir abgewendet? Auf jeden Fall. 100 Prozent. Schon ganz früh. Bruder, du bist verloren. Aber ehrlicherweise hat er das ja. Er hat sich ja von sich selbst abgewendet. Wenn du es genau nimmst, hat er sich von sich selbst abgewendet und ist deshalb diesen Weg gegangen. Ich weiß nicht, ob ich meinen Freund so ein Freund hätte sein können, falls du das meinst. Ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, dass ich das könnte. Ich weiß es nicht, aber...

1:00:54Was wünschst du dir denn für deine Zukunft? Ich glaube einfach nur, dass es so weitergeht. Also, ich glaube, wenn ich gesund bleibe, wenn meine Liebsten gesund bleiben, dann ist alles gut. Danke dir, danke dir, dass du die Hose runtergelassen hast und so offen deine Geschichte mit uns geteilt hast.

1:01:17Gerne. Dankeschön und wir wünschen dir alles Liebe und alles Gute für dich und deine Zukunft. Dankeschön. Du willst selbst bei uns dabei sein? Dann melde dich auf unserer Website oder unserer Social Media. SWR 2021

Transcribed with Cockatoo

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