Versuchter Mord mit 16 Jahren #38 Erim

Shownotes

Erim erzählt seine unglaubliche und schonungslose Geschichte – mit nur 16 Jahren wird er wegen versuchten Mordes verurteilt. Doch wie kommt ein Teenager in so jungen Jahren an diesen Punkt? Was bringt einen dazu, das eigene Leben und das anderer aufs Spiel zu setzen?

Erim nimmt uns mit in seine Jugend, geprägt von familiären Konflikten, Eskapaden und dem Drang, Grenzen auszutesten. Ein fesselnder Einblick in eine Jugend am Limit – direkt aus erster Hand.


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0:00:00Triggerwarnung! Bevor wir beginnen, möchten wir dich auf etwas Wichtiges hinweisen. Uns sind deine Sicherheit und Gefühle wichtig. Wir möchten gewährleisten, dass du dich während des Hörens unseres Podcasts wohlfühlst und keine unerwarteten Auslöser erlebst. In dieser Episode werden wir Themen ansprechen, die für einige Hörende verstörend sein könnten. Zu Beginn der Folge stellen wir das Thema vor. Falls du denkst, dass das genannte Thema für dich persönlich belastend sein könnte, dann möchten wir dich bitten, die Folge direkt zu beenden. Stell dir vor, du kommst in einen Raum, vor dir sitzt ein Mensch

0:00:34und du hast keine Ahnung, wer das ist. Das passiert mir in jeder Folge bei unserem Podcast von Bohne zu Bohne. Mein Name ist Charlotte und ich weiß vorher nichts über unsere Gäste. Kein Name, keine Information, keine Themen. Also werden meine Fragen auch deine Fragen sein. Ich bin Sanja und ich suche die Gäste. Hier achte ich darauf, dass es Menschen mit spannenden Persönlichkeiten und faszinierenden Erlebnissen sind. Und genau die wollen wir mit euch teilen. Bist du bereit, gemeinsam mit Charlotte neue Geschichten kennenzulernen? Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge. Mein Name ist Charlotte.

0:01:14Mein Name ist Sanja. Mein Name ist Erim und ich wurde verurteilt wegen versuchtem Mord. Oh. Hi Erim. Richtig ausgebrochen? Ja. Okay, wo fangen wir denn da an? Versuchter Mord. Mit welchem Alter?

0:01:28Mit 16. Mit 16 hast du versuchten Mord begangen? Ja. Das ist krass. Okay, wie ist es dazu gekommen? Es gab Streckigkeiten mit einem alten Bekannten. Man hat sich vom Namen hören, sehen, gekannt. Da gab es über eineinhalb Jahre Stress. Ich war in der Zeit im Schülerwohnheim. Ich bin mit 13 damals schon

0:01:47von zu Hause ausgezogen. Warum? Ich hatte Stress mit Familie, mit Schule. Also lief nichts. Meine Eltern haben sich mit zehn getrennt. Genau, da war alles gut. Und dann hatte ich immer mehr Probleme in der Schule. Ich habe eigentlich nur Kacke gebaut, hatte jeden Tag nur Einträge, jede Woche Nachsitzen. Da war eine kurze Erfahrung, mich von der Schule zu werfen. Da habe ich gesagt, jetzt gebe ich mir selber einen Arschtritt. Zu Hause lief auch nichts gut. Ich habe mich zu Hause nur Stress mit Familie gehabt, mit Geschwistern. Ich habe gesagt, ey, kein Bock mehr auf euch. Ich ziehe mein Ding durch, ich mache meine Sachen. Ich gebe mein

0:02:16Leben, ihr gebt euer Leben. Dann bin ich mit 13 ausgezogen. Dann war es irgendwann 2020, da kam dann Corona. Da musste ich immer öfter nach Hause. Wir haben im Mehrbettzimmer geschlafen und wenn die Corona-Teilen hochgegangen sind, mussten wir nach Hause. Wenn sie wieder gesunken sind, mussten wir wieder ins Schülerwohnheim. Da habe ich dann wieder Anschluss zu meinen alten Jungs gehabt.

0:02:36Dann habe ich angefangen mit Saufen und Kiffen. Genau, und in der Zeit habe ich auch meine Freundin kennengelernt. Wie alt warst du da genau? Damals war ich noch 15. Okay. Dann Ende 2020, ich wusste dann einfach viel mehr.

0:02:49Ich habe gesagt, ich habe keinen Bock mehr, ich fühle mich wie im Gefängnis, habe ich gesagt. Ich muss hier raus. Dann hatte ich Stress mit meiner Freundin, bin abends abgehauen, habe mich dann mit ihr getroffen. Genau, und es kam dann raus, dass ich abends abgehauen bin und in dem Schülerwohnheim habe ich auch viel Kacke abgezogen. Ich hatte auch mal Gras dabei, hatte Schlaggrün dabei, habe oft mit den Jungs da mich geprügelt. Was heißt geprügelt? Ich habe dir halt ein paar Feuchte auf die Arme gegeben. Also nicht aufs Hass, aber...

0:03:16Warum hast du das gemacht? Gute Frage. Also eigentlich liebe ich die Jungs. Ich habe bis heute immer noch Kontakt zu Vereinzelten. Ich habe die nie gehasst oder sonst irgendwas, aber... Ja, einfach so aus Spaß, weil es mir Spaß gemacht hat damals. Was meinst du denn, was war der Grund dafür?

0:03:30Weil irgendwo muss ja die Quintessenz dessen gelegen haben. Fehlende Aufmerksamkeit? Ne, ich glaube, das ist leider in unserer Jugend heutzutage so, dass man... es macht gegenseitig Spaß, man haut sich auf den Arm oder man schubt sich ein bisschen. Und genau, man testet die Grenzen der anderen, schaut, wie kräftig das ist, man macht mal ein bisschen Kräfte messen. Aber das erklärt ja nicht, wieso du einen Schlagring bei dir trägst oder wieso du Gras mit ins Zahn gebracht hast.

0:03:54Ne, das war ja Dummheit wahrscheinlich. Genau, in der Zeit war ich nicht so. Ich habe vieles unüberlegt gemacht. Und dann hattest du häufiger bist du angeeckt, das wurde wahrgenommen und wie ging es dann weiter? Ja genau, also ich hatte einfach keinen Bock mehr. Die haben mir immer mehr Chancen gegeben. Ich habe gesagt, okay, wir geben dir noch eine Chance. Also ich war relativ gut, ich hatte gute Noten. Was würdest du sagen, was war der ausschlaggebende Grund, wieso du dich dazu entschieden hast, doch einen anderen Weg einzuschlagen? Ich glaube,

0:04:22es hat sich so langsam in mein Leben reingeschlichen. Also Corona war ein Riesenpunkt. Es hat alles betroffen. Es gab keine Schule mehr. Da musste ich mal eine Woche nach Hause. Da musste ich wieder zwei Wochen in ein Schülerwohnheim. Das war auch drei Stunden Fahrt. Ich bin dann mit dem Zug immer hin und zurück gefahren. Da war es ähnlich wie im Seehaus. Es war der Tagesabend auch so. Morgens Schule bis 16 Uhr. Ich war auf einer ganz normalen öffentlichen Schule. Nach der Schule musste ich ins Schülerwohnheim. Da hatte ich Hausaufgaben, Koran, Gebete und bis 22 Uhr auch nur Fullprogramm.

0:04:52Genau und es hat sich dann halt irgendwann zu viel, ich hatte Lust Party zu machen, ich wollte meinen Jungs raus, ich wollte saufen, kiffen, genau ich wollte einfach niemanden mehr haben, der einfach sagt, okay hier stehst du auf, da gehst du zur Schule, da kommst du zurück. Okay, wie ging es dann weiter? Genau, da war 2020, da wurde ich erwischt, dass ich abends wieder abgehauen bin, also da gibt es auch so ein Ministerium-mäßig. Die sind dann gekommen, die haben gesagt, ihrem geben wir noch eine letzte Chance. Wenn du sie nutzt oder du musst

0:05:20gehen. Habe ich gesagt, nee, ich habe keinen Bock mehr, ich gehe. Habe am selben Tag noch meine Sachen gepackt, bin nach Hause gegangen. Genau, dann ging eigentlich alles relativ sehr schnell. Dann war es nicht mehr alle paar Wochen mal kiffen und saufen, sondern ab da war ich jeden Tag nur noch Party machen, war jeden Tag nur noch draußen. Genau, dann war also ich hatte Januar Geburtstag. Ja, da war mein 16. Geburtstag Noch eine Zwischenfrage wie wie hat denn deine Familie auf reagiert als du wieder zurückkommst und eigentlich im Prinzip nur Irgendeinen scheiß angestellt hast. Ja, die wussten ja nicht alles, die wussten nur ich bin die ganze Zeit draußen

0:05:50Aber also vom 15-jährigen Jungen erwartet man auch nicht, dass er so viel Kacke braucht Okay, aber also die haben das gar nicht mitbekommen Also klar am Ende, wenn ich dann bis auf den Hause komme, dann hat sich schon gemerkt, dass ich trinken war. Aber ich habe ja auch nichts. Keine Ahnung, ich bin dann nicht rausgegangen, habe angefangen, Drogen zu verkaufen oder Sachen auszurauben. Ich war ja lediglich nur saufen und Party machen.

0:06:13Klar hat es meine Mutter nicht toll gefunden. Die hat auch gesagt, ich soll zu Hause bleiben. Und damals war eh schwierig mit Schule. Also meine alte Schule hat mich dann damals nicht aufgenommen. Musste ich auf eine neue Schule wechseln. Und zwar dann auch die ganze Zeit Online-Unterricht.

0:06:25Bin morgens um 8 Uhr aufgestanden, hab Online-Unterricht angemacht, bin dann schlafen gegangen bis 15 Uhr. Und erst hat dann mein Tag angefangen. Warum wollte er dich da in die alte Schule nicht wieder aufnehmen? Weil ich da nur Scheiß gebaut hab damals. Warst du dir dessen bewusst oder war das eine Scheiß-Egal-Einstellung, die du da hattest?

0:06:41Nee, das war eigentlich komplett unüberlegt. Also ich hatte meinen Jungs, denen haben wir Kack gebaut, haben am Schule geschwänzt, sind dann in der Mittagspause abgehauen, sind klauen gegangen, haben angefangen zu rauchen. Das ist so Alltags-Scheiße, die wir gemacht haben. Wir haben nie jemanden wirklich verletzt oder sonst irgendwas. Wir haben dann halt einfach unser Spaß gesucht. Du hast gesagt, war dann Januar dein Geburtstag, du bist 16 geworden. Wie ging es weiter?

0:07:08Genau, ich war schon immer ein Mensch, der immer viel mit anderen Frauen zu tun hatte. Deswegen war mir klar, wenn ich jetzt mit anderen Frauen meinen Geburtstag feiere, könnte es nicht so enden, wie ich es will. Meine Freundin war da nicht dabei. Die wohnt ja drei Stunden weg von mir. Die hat da gewohnt, wo mein Schülerwohnheim damals war. Da habe ich dann unter Jungs gefeiert. Es waren sechs, sieben Jungs. Dann hat es ein bisschen ausgeartet. Da waren auf einmal 30, 40 Leute. Wir sind noch auf eine andere Party gegangen. Da ist auch meine Freundin damals fremdgegangen. Genau, dann war es so eine Woche so zwischen uns und wir hatten

0:07:42die ganze Zeit nur Stress. Irgendwann habe ich ihr dann auch gesagt, ich bin dir fremdgegangen. Da hat sie mich verziehen. Dann hatten wir wieder, es war die ganze Zeit nur so komische Stimmung. Sie hat die ganze Zeit geweint und ich habe sie verletzt. Ich wollte eigentlich nur meinen Spaß haben. Das war dann die ganze Zeit nur hin und her. Wir konnten uns halt nur einmal in der Woche, also am Wochenende konnten wir uns nur sehen. Dann bin ich zu ihr gefahren und wir haben uns halt in der Mitte getroffen oder so. Genau und dann irgendwann im März habe ich ihr gesagt, okay, das ist zu viel, du weinst nur wegen

0:08:08mir, ich verletze dich nur, die Beziehung tut uns nicht gut. Ich bin 16 Jahre alt, sie war damals 15. Ich habe gesagt, das ist für zunächst so, ich will mein Leben leben, ich will nicht mit 16 schon mich an jemanden binden. Genau, da habe ich Schluss gemacht, die waren natürlich am Boden zerstört und da ging es dann eigentlich noch bergab. Da war ich wirklich 24-7 noch besoffen. Also ich war im Dauerrausch. Ich hatte viele Freunde. Also ich war nicht nur mit einem Freundskreis unterwegs, wenn die mal nicht saufen wollten

0:08:33oder keine Schule oder Arbeit hatten oder sonst irgendwas. Ich war mit einer anderen Gruppe unterwegs. Hast du das gemacht, um dich zu betäuben? Nee, ich weiß nicht. Ich wollte einfach nur Spaß haben. Aber Spaß haben ja auch seine Grenzen. Und du kannst doch relativieren, was du getan hast und wem du wehtust.

0:08:49Und ich würde jetzt dir einfach mal unterstellen, dass du das untergemacht hast, um dem Schmerz der Trennung aus dem Weg zu gehen. Also ich würde von mir behaupten, ich war damals nicht so empathievoll und habe vieles sehr unüberlegt. Auch meine Straftat, was ich alles gemacht habe, das war alles sehr unüberlegt. Ich habe nur von hier bis gleich gedacht. Ich habe nur für den Moment gelebt. Ich wollte mir Spaß haben. Ich bin 16 Jahre alt. Ich will nicht irgendwann alt sein und sagen,

0:09:16hätte ich das noch gemacht oder sonst irgendwas. Ich wollte alles auskosten, was noch ging in dem Alter. Genau, und da war ich dann im Dauerrausch. Und mit dem Mädel, mit dem ich an meinem Geburtstag fremdgegangen bin, mit der hatte ich dann auch was, nachdem ich die Beziehung beendet habe. Genau, und da hatte ich dann halt mit Maren halt was am Laufen. Und dieses Mädchen hat dann ihrer Cousine irgendwas erzählt, dass wir was hatten. Also ich hab ihr gesagt, es soll unter uns bleiben. Ich mag es nicht, wenn groß über mich geredet wird oder sonst irgendwas.

0:09:47Aber dafür kommst du ja ziemlich weit rum. Ja. Okay, wie ging es weiter? Genau, dann hatte ich es ihrer Cousine erzählt und der Cousine hat es einem Jungen erzählt, mit dem ich vor einem Jahr davor mal Stress hatte. Der Junge hat dann halt immer mit meiner Schwester telefoniert und es hat

0:10:04mir natürlich gar nicht gepasst, so als großen Bruder. Dann bin ich dann halt ans Telefon gegangen, hab gesagt, ey, wenn du keinen Kontakt abbrichst, dann haben wir Stress. Dann hat er gesagt, ja, kennst du mich nicht mehr von damals und wir waren auf der Schule. Ich hab gesagt, nee, ich kenn dich nicht, du hast keinen Kontakt und fertig. Genau, und das war's dann einfach, dann hab ich seitdem auch nicht mehr mit denen was zu tun gehabt. Und wo der es dann mitbekommen hat, hat er mich dann daraufhin angeschrieben. Was hat er mitbekommen? Dass ich mit ihr geschlafen habe. Der hat nicht mal Stress

0:10:29gesucht. Der hat mir nur gesagt, ja stimmt das und so. Das hat sich übel lang gezogen, weil ich war die ganze Zeit nur besoffen. Da hat er mir was geschrieben. Das hat fünf Tage gedauert, bis ich geantwortet habe. Da habe ich ihm was geschrieben. Dann hat es wieder eine Woche gedauert, bis ich geantwortet habe. Genau, das hat sich dann übel lang gezogen. Aber die waren nur befreundet? Das Mädchen, mit dem du was hattest und der Typ, der Interesse an deiner Schwester hatte? Ja, genau, die waren nur befreundet.

0:10:53Ja, okay. Das Mädchen hat, also ich hab mit einem Kollegen telefoniert gehabt, die ist dann ins Anruf reingekommen, hat dann voll geweint, hat gesagt, ey, der erzählt Lügen rum und der macht mich voll fertig und so und ich kann's gar nicht, wenn ein Mädchen unterdrückt wird oder fertig gemacht wird, da werde ich direkt komplett sauer. Genau, und weil mein Kollege dann auch im Anruf drin war, konnten wir halt nicht so ganz offen reden. Genau, da bin ich halt ausgetickt,

0:11:15dann wollten wir uns den halt packen. Also mein Kollege hat in der Nähe von dem gewohnt, ich geh jetzt raus, ich schnapp mir den. Da haben wir den auch angerufen und so. Aber was meint denn Unterdrückung in dem Kontext? Also der hat mich angerufen, hat gesagt, ja, da ist einer, der macht dich ja voll fertig, der erzählt Lügen über uns rum. Da bin ich dann voll sauer geworden. Wie gesagt, mein Kollege wollte dann zu denen, um sich mit dem zu hauen. Dann habe ich mit

0:11:40dem Jungen geschrieben. Ich habe gesagt, was soll das Scheiße, was willst du hier erreichen? Und er hat gesagt, das stimmt nicht, dieses Mädchen lügt. Ich habe natürlich dem Mädchen geglaubt, aber ich habe den Jungen eh nicht gemocht, ich konnte ihn nicht leiden. Und dann irgendwann hat er mir dann im Laufe des Gesprächs ein Audio geschickt, wie die weint und ein Audio an ihre Cousine schickt. Ich habe gesagt, warum ziehst du weiter? Ich habe sie ihrem Vertrauen gesagt. Genau, und dann war klar, das Mädchen hat gelogen.

0:12:02Dann hatte ich auch kein Problem mehr mit dem Jungen. Dann hab ich gesagt, ja, alles gut, wir haben kein Problem. Dann hab ich mit dem Mädchen einen Kontaktabbruch gemacht. Ich sag, ich hasse es, angelogen zu werden. Du lügst mich an und erzählst so eine Lüge, wegen der hätten wir fast Stress gehabt, hätten uns gehauen und so.

0:12:16Genau, und es hat sich dann voll lang gezogen. Und ich war damals ein sehr einversichtiger Mensch. Da hab ich irgendwann gesehen, dass er meiner Freundin, also meiner damaligen Ex-Freundin dann, auf Insta folgt. Die, die drei Stunden entfernt wohnte? Genau, also mit der ich dann Schluss gemacht habe im März.

0:12:31Genau, und dann habe ich den angeschrieben, habe gesagt, ey, du blockierst sie auf der Stelle. Und dann hat er gesagt, nee, du folgst auch meiner Exfreundin. Ich habe keine Ahnung, wer deine Exfreundin ist. Wenn du willst, ich blockiere die. Dann blockierst du meine Exfreundin.

0:12:41Da haben wir es gemacht. Dann war wieder alles gut. Also immer die ganze Zeit hin und her. Wir hatten Stress, dann war wieder alles gut. Hormonelle Probleme. Genau. Hattet ihr dann auch im echten Leben Kontakt oder nur über Social Media? Ja, also der hat in der selben Stadt gewohnt. Also wenn ich in der Stadt rumgelaufen bin,

0:12:59Dinge gesehen habe und so, haben wir uns Hand gegeben. Also ich habe nie mit denen irgendwelche Berührungspunkte gehabt oder sonst irgendwas. Habt ihr euch denn auch so gut verstanden, dass ihr euch privat getroffen habt zum Saufen oder so? Nein, nein, nein. Ich habe nichts mit dem zu tun gehabt. Genau und dann war wieder alles gut und da war, ich weiß nicht mehr ganz, es ist über drei Jahre jetzt her, da hatten wir nochmal die ganze Zeit Stress und alles war gut. Aber eher wegen belangloseren Dingen?

0:13:25Ja, also nichts. Wegen Frauen? Das weiß ich nicht, also nichts Dramatisches auf jeden Fall. Genau heute würde ich darüber sagen, warum streitet man sich darüber, kann man ganz normal auf eine Erwachsenheit klären. Und dann irgendwann hatte ein Kollege von mir seinen 18. Geburtstag. Wir waren übers Wochenende weg, waren feiern. Und dann am Samstag hat mich dann meine damalige Ex-Freundin angerufen. Da war ich schon. Mein erster Mission am Trinkensweig

0:13:53war um 12, 13 Uhr. Einen Tag davor haben wir in einem Bauwagen gepennt und noch voll verkatert, irgendwo Rewe gegangen, haben uns noch was zum Trinken geholt. Ich habe noch mal eine Zwischenfrage. Du sprichst jetzt sehr über deinen Alkoholkonsum. Würdest du rückblickend sagen, dass das schon eine Sucht war oder war das nur eine Gewohnheit? Ich glaube, es war eine Gewohnheit, also Sucht.

0:14:14Also wenn ich nicht getrunken habe, war es auch kein Problem, wenn ich mal einen Tag zu Hause war. Also ich hatte nie einen Drang danach, ich muss jetzt was trinken oder sonst irgendwas. Also alles, was ich erzählt habe, das war alles im Zeitraum von vier Monaten. Es war jetzt keine jahrelange Alkohol-Sauf-Geschichte oder sonst irgendwas. Es waren ja alles vier Monate, bis ich in Haft gekommen bin.

0:14:32Genau, und da hat sie mich angerufen, hat dann angefangen zu weinen, hat gesagt, komm zu mir zurück, ich will nicht, dass wir getrennt leben. Da hab ich gesagt, ich will mit dir keine Beziehung, ich will mit dir nichts zu tun haben. Und da hab ich auch aufgelegt, da waren wir halt bis abends saufen. Irgendwann, um 23 Uhr oder so, hab ich sie dann angerufen.

0:14:51Ich wollte wahrscheinlich nur Stress oder sonst irgendwas auf Krawall gebürstet. Ich habe sie dann angerufen. Genau, und da hat sie mir erzählt, ja, da gibt es einen Jungen, der erzählt Lügen über dich rum. Also der hat ja gesagt, ja, der erzählt mir, du bist mir die ganze Zeit nur fremdgegangen, du hast mich nie geliebt, du hast mich nur ausgenutzt. Genau, hat mir geschrieben, wenn ich jemanden besseren brauche, dann soll ich mich bei ihm melden und so.

0:15:11Da war ich natürlich auf 180. Ich habe gesagt, ey, labert so eine Scheiße, das stimmt alles nicht. Genau, und dann bin ich ausgerastet. Ich habe gesagt, ich steche den ab. Und ich wusste nicht mal, wer das ist. Die wollte mir den Namen nicht sagen. Da habe ich so lange auf sie eingeredet, bis sie mir den Namen gesagt hat. Und dann irgendwann hat sie mir den Namen gesagt und bam, ich war, ich habe nur noch schwarz gesehen. Ich habe gesagt, okay, das war der Junge, mit dem ich die ganze Zeit diese Probleme hatte.

0:15:31Genau, und es waren, wie gesagt, es waren keine gravierenden Sachen, wo man jemanden dafür ins Leben nehmen muss oder irgendwie hauen muss oder sonst irgendwas. Aber es hat sich halt so gestaut. Und zwar ist eine Lage in meinem Leben so eine Situation, wo ich keinen Halt hatte, keine Perspektive, ich hatte keine Schule, keine Arbeit, war durch Kind nur besoffen. Genau, und wo ich den Namen gehört habe, bin ich dann schwarz gesehen und habe gesagt,

0:15:58ey, habt ihr aufgelegt? Meine Jungs, also drei meiner Jungs waren da neben mir, die haben es mitbekommen. Ich habe gesagt, ich steche dann ab. Dann sind wir rein in seine Wohnung. Direkt im Anschluss? Ja, genau.

0:16:09Wir waren direkt vor der Haustür. Wir wollten gerade reingehen und da habe ich mit ihr telefoniert. Dann sind wir rein, haben einen anderen Kollegen angerufen, der auch in der Stadt wohnt, wo mein Schülerwohnheim damals war. Ich habe gesagt, ich muss was klären morgen, ich komme ein paar Tage zu dir. Dann bin ich schlafen gegangen, bin nächste Morgen aufgestanden.

0:16:23Ein Messer hatte ich immer bei mir. Ich bin kurz nach Hause, habe Geld für meine Flucht geholt. Was ist das für ein Messer gewesen? Das war ein ganz normales Taschenmesser, also jetzt nichts Großes. Dann habe ich Geld geholt für meine Flucht, habe meinen Opfer angerufen. Ich habe gesagt, ey komm, wir treffen uns.

0:16:40Ich sagte die Wahrheit zwischen den Mädchen. Wir hatten noch wegen irgendwas anderem Stress, ich weiß nicht mehr wegen was. Genau, der dachte dann, ich komme mit mehreren Leuten. Also wie gesagt, es war eine angespannte Situation, nicht nur mit mir und ihm, sondern mit mehreren von meinen Jungs. Der dachte halt, wir wollen den hauen. Und es hat sich voll eingezogen, lass uns da treffen, lass uns da treffen.

0:16:58Ich hab gesagt, ich bin alleine. Da hab ich ihn auch über FaceTime angerufen. Ich hab gesagt, schau, ich bin ganz alleine, ich fahr gerade zu dir. Genau, und dann irgendwann haben wir uns geeinigt. Dann war ich am Treffpunkt. Genau, da hab ich ihn angerufen.

0:17:08Da hat er gesagt, der muss noch was wegen Geld klären oder so, der kommt gleich. Wie gesagt, da dachte ich, kommt mehr Leute, um ihn zu schlagen. Also hat er auch zwei, drei seiner Kollegen angerufen, dann sind die gekommen. Und als er gesehen hat, dass ich alleine war, hat er seine Jungs weggeschickt. Genau, da hat er gesagt, ja komm auf. Also der war auf der anderen Straßenseite, der hat gesagt, ich soll zu ihm kommen.

0:17:28Ich hab gesagt, ja komm jetzt hierher. Und es war halt so eine Baustelle und so eine abgelegene Seitenstraße, also so ein kleiner Durchgang, wo eigentlich niemand war. Genau, dann habe ich den halt überredet, dahin zu kommen. Dann standen wir in dieser Gasse und da habe ich mit ihm geredet. Mit dem Mädchen habe ich gesagt, zeig mir ein paar Chatverläufe.

0:17:49Ich wollte auch die Wahrheit wissen, weil sie irgendeine Kacke über mich gelabert hat. Dann habe ich gesagt, zeig mir diesen Chatverlauf. Dann hat sie sein Handy aufgemacht. Da habe ich gesehen, dass sie drei, vier, fünf Leute geschrieben hat, dass sie sich jetzt mit mir trifft. Da war mir klar, ich muss ihn jetzt umbringen und noch sein

0:18:04Handy klonen, um die Beweise zu löschen. Dann, also es lief dann ganz anders, als ich geplant habe. Eigentlich war mein Plan, ich treffe mich mit ihm, bring ihn um und fertig. Genau, da hatte ich das Gespräch voll lang gezogen. Da haben wir 10, 15 Minuten lang geredet ungefähr. Genau, dann irgendwann habe ich nochmal gesagt, also die ganze Zeit gesagt, hol dein Handy raus, zeig mir diesen Chatverlauf. Da hat er die ganze Zeit sein Handy geholt, Chatverläufe gezeigt. Dann irgendwann, wo ich dann sein Passwort gesehen habe, habe ich direkt das Messer rausgezogen,

0:18:28habe siebenmal auf ihn eingestochen. Wohin? Überall, also ganze Oberkörper, Bauch, Rücken, Schulter, Nacken, Kopf, Brust, überall hin. Dann irgendwann ist er mir, also er hat sich natürlich gewehrt, hat sich gedreht, hat gesagt, ey, was machst du, lass mich los. Dann irgendwann ist er mir aus den Händen entkommen, ist angefangen zu sprinten.

0:18:47Ich bin direkt hinterher gesprintet, also Messer war noch in meiner Hand. Genau, der ist dann auf die Bundesstraße gelaufen, hat seine Hände hochgehoben, hat angefangen Hilfe zu schreien. Genau, das war eine stark beschleunigte Straße, war eine dreispurige Schnellstraße. War das tagsüber? Genau, das war, ich glaube, 14 Uhr oder so, also mitten am Tag. Genau, dann war der auf der Bundesstraße, ist dann umächtig geworden. Dann stand, also der lag halt vor mir, ich stand vor

0:19:10ihm. Messer war in meiner Hand, in meiner Jackentasche. Und da habe ich kurz überlegt, habe runtergeschaut, habe hochgeschaut, da waren schon 10, 15 Orte direkt angehalten. Da habe ich gesagt, jetzt sind viel zu viele Zeugen. Bin direkt abgehauen, bin zum Bahnhof, bin zum Kollegen gefahren. Zufälligerweise standen meine Freunde, also meine damalige Ex-Freundin, am Bahnhof.

0:19:30Das kann doch nicht sein. Da hat mich dann mein Kollege vom Bahnhof abgeholt, sind zu ihm gegangen. Ich war halt noch, also an meinem Hals, mein T-Shirt, also es war alles noch voll mit Blut. Genau, also meine Hand war auch offen, also wo ich zugesprochen habe, ist mir das Messer in meine Hand reingerutscht, hat mir meine, also in meine Hand alles aufgeschnitten. Genau, also ich war noch voll mit Blut. Genau, bin zu ihm nach Hause, hat mich umgezogen, war kurz duschen.

0:19:57Genau, dann wollte meine Freundin mit mir reden. Was hast du denn dabei gedacht? Nichts. Also... Im Prozess, während du geduscht hast. Was hast du denn dabei gedacht? Du musst

0:20:05doch irgendwas dabei gedacht haben. Ja, das denkt man sich, dass ein Mensch nachdenkt, aber die ganze Zeit, also auch der Tag davor bei dem Telefonat oder wo ich meine Flucht geplant habe, ich habe an nichts gedacht. Also ein logischer, also ein Mensch, der logisch denken kann, würde sagen, okay, du machst was, darauf folgt eine Konsequenz. Was ich gedacht habe, okay, ich mache was, okay, Polizei wird mich ein, zwei Tage suchen, aber was ist danach? Soweit habe ich nicht gedacht. Ich wollte was, ich habe es gemacht, ich hatte ein Ziel,

0:20:31also habe ich es verfolgt. Warst du zu dem Zeitpunkt, wo du den Entschluss gefasst hast, diesen Menschen zu töten, warst du in diesem gesamten Prozess bei Bewusstsein oder hattest du dich durch Drogen oder Alkohol in irgendeiner Art und Weise betäubt? Ich war halt an dem Tag saufen. Nee, du warst am Tag davor saufen. Ja, genau. Achso, nee, an dem Tag war ich nicht.

0:20:54Du bist morgens aufgewacht. Das heißt also, du hast vielleicht noch Restalkohol gehabt, aber du warst nicht betrunken. Nee. Also ich war komplett bei Bewusstsein. Genau, jetzt würde ich sagen, das ist doch beschwert. Wie kann man nicht nachdenken, dass wenn du was machst, dass eine Konsequenz darauf folgt. Alles, was du machst, egal ob positiv oder negativ, hat eine Konsequenz. Und so weit habe ich eben nicht gedacht. Ich habe da okay, das gemacht.

0:21:15Hat es nichts in dir ausgelöst, zumindest das Blut zu sehen oder diesen Stich oder diesen Schmerz? Der Mensch muss ja schreien. Das muss doch... Irgendwas... Hattest du da keine Regung innerhalb deines Körpers gespürt? Ich glaube, klar, bevor ich zugestochen habe, war komplett voll mit Adrenalin. Und ich habe auch überlegt, ob ich es abbrechen soll. Dann habe ich gesagt, okay, was soll ich machen? Was soll ich nicht machen?

0:21:35Die ganze Zeit im Kopf hat es gerattert. Und danach hat es sich in mir drin noch mehr gesteigert. Ich habe gesagt, okay, so etwas darf ich nicht zulassen. Klar war da bestimmt auch noch dieser gewisse Druck von außerhalb. Okay, meine Jungs haben es gehört. Wenn ich es nicht mache, bin ich dann eine Pussy oder sonstige Sachen. Genau, und danach bin ich noch aggressiver, noch aggressiver, noch aggressiver geworden. Ich habe gesagt, so etwas darf ich nicht zulassen. Der hat meine Freundin angemacht,

0:21:57der hat damals mit meiner Schwester telefoniert, der hat so oft Stress mit mir geschoben. Genau, ich habe gesagt, so etwas darf ich nicht zulassen. Dann bin ich noch aggressiver. Irgendwann, als ich seinen Ping gesehen habe, als das Messer draußen war, war eh schon alles vorbei. Da gibt es keinen Weg mehr zurück. Da bist du nur noch schwarz, du bist einfach nur noch im Tunnel. Da agierst du einfach. Ich wusste auch nicht, dass ich siebenmal offen eingestochen habe. Meine Wahrnehmung war damals, dass ich zwei,

0:22:21drei, viermal maximal eingestochen habe. Es kam erst im Nachhinein raus, dass er sieben Stiche von mir bekommen hat. Genau, das passiert einfach und das war ja auch, genau, das war vielleicht innerhalb von 20, 30 Sekunden das alles. Du hast jetzt Bericht davon berichtet, dass du deine damalige Ex-Freundin gesehen hattest. Hattest du ihr gesagt, was passiert ist? Naja, also einen Tag davor hatte ich ja am Telefon gehört, dass ich sage, ich werde

0:22:45den abstechen. Also konnte ich wahrscheinlich denken. Aber wie hat, also hast du ihr noch mal was gesagt, habt ihr miteinander gesprochen oder habt ihr euch nur gesehen? Genau, also danach hat mein Kollege mich überredet nochmal mit meiner Freundin zu reden. Da habe ich mich mit ihr getroffen, der hat halt komplett geweint. Genau, also jetzt war natürlich wieder mit mir zusammen zu kommen.

0:23:03Also der ist heute, also wir sind jetzt heute immer noch zusammen, sind jetzt mittlerweile seit vier Jahren zusammen. Genau. Machst du ihr Vorwürfe? Ich ihr? Nein. Warum? Auf keinen Fall.

0:23:13Warum? Weil die hat nichts damit zu tun. Sie hat schon was damit zu tun, wenn du es genau nimmst. Die war halt mittendrin, aber die hat ja nie zu mir gesagt, du musst es machen. Aber sie war ja im Prinzip der Auslöser, wenn du es genau nimmst. Das würde ich nicht sagen, weil ich glaube, das dachte ich auch eine lange Zeit,

0:23:30der hat was gemacht, was ausgelöst hat, aber jetzt würde ich sagen, ich glaube, also nicht ich glaube, ich weiß, in dem Moment, wo ich auf ihn eingestochen habe, da hatte ich nicht mal einen Hass gegenüber ihm. Ich glaube, es war alles nur Hass auf alles. Hass auf die Menschheit, Hass auf mich selber, Hass auf mein Umfeld. Einfach, ich war so ein hasserfüllter Mensch.

0:23:48Ich habe meine Welt nicht verstanden. Ich hatte nichts zu tun. Ich hatte keinen Halt, kein Ziel, nichts, worauf ich mich hinarbeiten konnte, wo ich sagen könnte, okay, dafür arbeite ich, dafür mache ich meine Schule, dahin will ich irgendwann hin. Ich habe nur für den Moment gelebt.

0:24:04Ich war ein sehr, sehr hasserfüllter Mensch. Ich habe irgendwie alles gehasst um mich herum. Macht sie dir Vorsorge? Ich glaube nicht. Ich hoffe nicht. Also seit dem Vorfall haben wir auch nie wirklich darüber geredet.

0:24:17Also seid blöder Mann. Also ich war davor ein Jahr, acht Monate im Gefängnis, bevor ich ins Sehaus gekommen bin. Also im geschlossenen Vollzug. Und da hast du halt nur zweimal im Monat für zwei Stunden Besuch und kannst halt alle zwei Tage mal 15, 20 Minuten telefonieren. Wenn du da jetzt so ein riesiges Thema aufmachst, ist das dann

0:24:32halt einfach beschissen, weil an der weint sie oder isst irgendwas oder dann fährt sie alleine nach Hause und dann will ich es einfach nicht, dass sie dann einfach weint oder traurig ist und ich kann nicht da sein für sie oder auch mit meiner Familie. Jetzt nach der Entlassung wird es ganz anders sein. Da haben wir wenigstens einen Rahmen, wo wir mal zusammensitzen können, wo wir dann auch zusammen trauern können, darüber reden können und danach ich auch meine Familie, meine Freundin trösten kann oder wo die mich trösten können. Und einfach

0:24:59den Rahmen gab es halt bis jetzt nicht in den letzten drei Jahren. Okay, dann lass uns noch mal zurückgehen zu dem Zeitpunkt, als du duschen warst. Du hattest ja deine Flucht geplant. Wie sollte die aussehen? Genau, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Also ich wusste, die Polizei wird mich ein, zwei Tage suchen. Danach keine Ahnung. Also ich war da, ich habe für den Moment gelebt.

0:25:19Ich habe nichts überlegt. Wie ging es denn dann weiter? Genau, dann war ich mit meiner Freundin, wir waren in so einem Parkhaus. Die hat komplett geweint. Die hat gesagt, ich soll zu ihr zurückkommen. Ich muss nicht von heute auf gleich zu ihr zurück, aber langsam wieder zurück zu ihr

0:25:32kommen, dass sie mich liebt. Die hat halbe Stunde nur vor mir geweint. Und ich habe gesagt, nee, ich liebe dich nicht. Ich will nichts mit dir zu tun haben, ich will keine Beziehung mit dir, das ist aus, du kannst komplett vergessen mit uns beiden.

0:25:44Genau, dann bin ich gegangen. Dann habe ich dann halt einfach für den, ich habe nichts mehr gemacht, dann habe ich einfach, ja, meine, also unser Freund, also mein und ihr Freundskreis, wir haben denselben Freundskreis und die wollten natürlich, dass wir wieder zusammenkommen. Also immer wenn ich mit meinen Jungs war, ist dann meine Freundin und ihre Freundin auch gekommen und die wollten uns dann wieder ein bisschen verkuppeln.

0:26:03Niemand wusste es außer meine Freundin und bei den Kollegen, bei denen ich war. Genau von der Tat wusste es sonst niemand. Die Jungs waren die ganze Zeit daneben, wussten halt nichts davon. Und die wollten uns halt kuppeln und dann irgendwann waren wir dann zufälligerweise alleine auf der Parkbank. Da waren wir dann drei Stunden und ich habe kein Wort mit ihr geredet.

0:26:19Also ich wollte keine Beziehung mit ihr, nichts. Und die hat mich dann auch irgendwann gefragt, willst du nicht eigentlich mit mir reden? Ich hab gesagt, nee, will ich nicht. Genau, und es hat sich dann drei, vier Tage gezogen. Und zwar halt so in der kleinen Stadt, da ist eigentlich nie Polizei unterwegs. Irgendwann morgens, wo ich dann aufgestanden bin, habe ich dann voll viele Anrufe bekommen.

0:26:37Irgendwas wie, ey, Remf, jetzt wippst du dich aus der Stadt. Das ist alles voll mit Polizei und so. Genau, also es gab schon zwei, drei Kollegen, die es wussten. Und die haben gesagt, das ist alles voll mit Polizei, ich muss abhauen. Da habe ich einen Kollegen aus Bayern angerufen. Ich habe gesagt, komm, du musst mich abholen,

0:26:51ich habe gerade ein bisschen Probleme, ich muss ein paar Tage bei dir unterkommen. Genau, dann ist er ein paar Stunden später mit seinem großen Bruder gekommen. Ich fragte, was los ist. Ich habe gesagt, erzähle ich dir im Auto. Er hat gesagt, geht nicht, ich muss jetzt arbeiten gehen. Ich habe gesagt, wie jetzt? Er hat seinen kleinen Bruder abgesetzt, sind wir dann in den Park gegangen, haben erstmal einen Joint geraucht und da habe ich ihm erzählt, was passiert ist. Ich habe so einen richtig hyperaktiven Freund damals gehabt, also der war voll hippieleg

0:27:17und konnte nicht auf der Stelle stehen. Und hat dann irgendwann gesagt, aha, Amcas, also Amcas heißt Polizei. Und dann war ich voll panisch, hab nach hinten geschaut, da war aber niemand. Da habe ich nochmal zurückgeschaut, da habe ich noch zwei Beamten gesehen, riesengroß Polizei hinten drauf. Da hat mein Herz angefangen zu rattern.

0:27:34Bin ich aufgestanden, genau, dann haben die gefragt, was machen wir hier? Ich hab gesagt, wir chillen. Dann haben sie gesagt, allgemeine Personenkontrolle, einmal Sachen auspacken. Dann habe ich meine Bauchtasche ausgepackt, mein Gelbbeutel, mein Handy, meine Boxtasche, das war ja auch Flucht. Hab hingelegt.

0:27:50Das Messer auch? Nein, das Messer hatte ich direkt nach der Tat, also habe ich ihn um den Wald geschmissen. Genau, hab's hingelegt. Da war noch einer, der war halt, wenn man ihn angesehen hat, hat man direkt gesehen, dass er unschuldig ist. Er ist halt ein zeitlicher kleiner Junge. Die haben den direkt beiseite genommen.

0:28:09Mich und meinen Kollegen haben die auf eine Seite genommen. Die wollten den halt so ein bisschen unter Druck setzen. Also wahrscheinlich hat jemand die Polizei angerufen und gesagt, ja, da kämpfen halt zwei, drei Jugendliche. Genau, da hat sich der Polizei kurz umgedreht. Da habe ich direkt meine Sachen gepackt, bin abgehauen.

0:28:22Genau, die sind mir nicht hinterher gerannt. Dann irgendwann hat mich dann mein Kollege angerufen und hat gesagt, ja, okay, die haben eine Verwarnung wegen Corona bekommen. Also die kam ja aus Bayern nach Baden-Württemberg, sonst nichts. Genau, und die sind dann die ganze Zeit halt rumgefahren und haben mich wahrscheinlich gesucht. Ich weiß ja gar nicht, ob die mich gesucht haben, vielleicht war es ja auch tatsächlich

0:28:40nur eine allgemeine Personenkontrolle. Genau, und dann irgendwann ist dann der Bruder gekommen, hat uns abgeholt, wir sind nach Bayern gefahren zu ihm. An dem Tag oder am folgenden Tag war auch ein SK-Einsatz bei dem Kollegen. Genau, also an dem Tag, wo ich abgehauen bin, also an dem Tattag, das war Sonntag, glaube ich, habe ich nochmal meine Jungs aus meiner Stadt angerufen.

0:29:00Ich habe gesagt, ey, ich bin jetzt ein paar Tage weg. Und die wussten dann, klar, direkt, was los war. Und sowas macht schnell die Runde, dass jemand abgestochen wurde. Genau, und die haben wahrscheinlich der Polizei gesagt, wo ich bin. Sorry, dachtest du bis zu dem Zeitpunkt, du hast ihn tatsächlich getötet? Oder wusstest du das?

0:29:17Ich habe sogar gehofft. Also ich habe gehofft, dass er stirbt. Ich habe auch jeden Tag im Internet nachgeschaut, Zeitung oder Polizeipräsidium, ob da irgendwas draußen ist. Dann irgendwann nach drei Tagen stand da, glaube ich, dass halt ein 16-Jähriger ein 16-Jähriger abgestochen hat, aber keine weiteren Infos.

0:29:34Und klar, also sowas spricht sich richtig schnell rum und es ging direkt jede Runde und nach vier Tagen wusste ich, dass er überlebt hat, Notoperiert wurde und sieben Stiche bekommen hat. Genau. Wie ging es dann weiter? Genau, dann war ich in Bayern. Der Kollege von mir, der ist auch ein richtiger Kiffer gewesen. Also wir waren wirklich die ganze Zeit nur kiffen und saufen, morgens aufgestanden, haben erst mal einen Joint geraucht und genau, da habe ich so dahin gelebt. Also ich glaube, es waren insgesamt acht Tage, wo ich auf Flucht war.

0:30:06Ich glaube, die ersten drei Tage in Baden-Württemberg und die restlichen in Bayern. Genau, und da haben dann auch meine Jungs gesagt, du bist auch krank, du bist gerade auf Flucht, du läufst hier rum, als ob nichts wäre. Da hat der große Bruder von meinem Kollegen gesagt, ey, du weißt schon, du wirst irgendwann im Gefängnis landen, wenn die dich erwischen. Ich hab gesagt, ja, dann ist so. Also ich hab gesagt, ich stelle mich nicht. Wenn sie mich erwischen, dann bin ich auf Flucht.

0:30:29Das hat sich dann ein paar Tage gezogen. Dann hat mich der Vater von denen gefragt, was ich eigentlich hier mache. Ich habe gesagt, ich habe ein bisschen Stress zu Hause. Damals war ja dieser eine Woche Präsenzunterricht, eine Woche Online-Unterricht. Da habe ich gesagt, ich habe diese Woche Online-Unterricht. Deswegen bin ich hier.

0:30:46Da hat er, glaube ich, meine Mutter angerufen. Der hätte es dann mitbekommen. Ich glaube, der große Bruder von meinen Kollegen hat es ihm erzählt. Genau, und dann hat er meine Mutter angerufen, hat die nach Bayern geholt. Also der Junge, der war damals auch mit mir im Schülerwohnheim. Der ist dann komplett schiefe Bahn abgerutscht und genau, das war halt ein richtiger enger Freund von mir.

0:31:05Genau, dann hat mich der Vater angerufen. Der hat gesagt, ey, ich und mein Kollege sollen in die Werkstatt kommen, das ist wichtig. Wir sind in die Werkstatt gefahren und sind dann ins Büro reingegangen. Dann war auf einmal meine Mutter und meine Geschwister da. Ich war schockiert. Ich so, was machen die hier?

0:31:21Dann haben wir die rausgeschickt, haben versucht meinen Anwalt anzurufen. Es war jetzt abends um sieben Uhr schon, also da ist niemand reingegangen. Dann haben wir noch 10, 15 Minuten geredet, sind raus. Da hat der Vater gesagt, ja okay, also hat einen Anruf bekommen, er hat gesagt, ich habe einen Termin, ich muss jetzt gehen. Der ist dann mit dem Transporter weggefahren. In der Sekunde sind mein Kollege und sein Bruder gekommen, die wollten mich abholen.

0:31:46Dann war der Plan, dass wir zurück zu mir nach Hause fahren und uns am nächsten Tag stellen. Ich weiß nicht, ob ich es gemacht hätte. Ich habe in dem Zeitraum von einem halben Jahr wirklich bei nichts nachgedacht. Ich habe einfach nur noch gehandelt. Dann habe ich gesagt, okay, dann gehen wir halt zu meinem Kollegen kurz noch meine Sachen

0:32:05holen. Da bin ich vorne mit meinem Kollegen und seinem großen Bruder ins Auto eingestiegen, hinten meine Mutter und meine Geschwister. Genau, da sind wir gerade angefahren, kommt uns ein schwarzer Mercedes entgegen, dann fängt er an auf Türkisch zu schreien, Erem kaç, Erem kaç, das heißt Erem, hau ab. Und ich weiß nicht, was ich mache, ich habe nichts gerafft, dann hat der Auto zugeschlossen.

0:32:24Innerhalb einer Sekunde war das Auto komplett voll mit Polizei. Haben gegen die Scheiben geschlagen, haben gesagt, kommen Sie raus, kommen Sie raus. Genau, dann hab ich gesagt, ja, ich geh raus. Und hab die Tür aufgemacht, hab meine Hände hochgemacht, hinterm Nacken, bin direkt auf die Knie gefallen. Hab mich hochgepackt, auf den Boden geschmissen, direkt auf meinen Kopf. Drei Beamte auf meinen Rücken, fünf, sechs, meine Beine haben zwei festgehalten.

0:32:45Haben dann gefragt, ja, sind Sie Erim? Sag ich, ja, ich bin es. Wie heißen Sie? Ich hab dann nochmal meinen Namen wiederholt. Genau, da haben die mich festgenommen, bin dann aufgestanden, habe ich gesehen, meine Mutter und meine Geschwister komplett am weinen, am Boden zerstört. Der große Bruder von meinem Kollege fängt an zu schreien, ich kenn den nicht, ich kenn den nicht. Mein Kollege ist am Auto angelehnt, wird gerade kontrolliert. Genau, und hab eigentlich dabei nichts gefühlt.

0:33:09Nicht mal, als du deine Familie gesehen hast? Erst, also, wo ich die weinen gesehen hab, klar, das war das einzige in meinem Leben, was mich dann wirklich mal im Herzen gerührt hat, wo ich dann verletzt war. Aber sonst bin ich aufgestanden, habe meinen Kollegen gesehen, habe den sogar noch angelächelt. Ich habe gesagt, ey, wir sehen uns. Dann haben die einen Gürtel um mich herum gemacht, Handschellen dran. Und da ist halt meine Mutter zu mir gekommen, durfte sich verabschieden. Da war ich schon echt ein bisschen am Boden zwischen, wo ich sie war und gesehen habe.

0:33:40Genau, dann wurde ich in meine Stadt gefahren, aufs Polizeipräsidium. Das heißt, wieder zurück nach Baden-Württemberg. Genau, da haben die mich, also das war ja schon irgendwann 19, also 19 und 29 wurde ich verhaftet. Genau, bin ich zurück in meine Stadt, haben die mich aufs Polizeipräsidium gebracht, musste die Nacht da schlafen. Am nächsten Tag war der Haftrichter, der hat mir gesagt, ja, ich komme mit dem Untersuchungshaft nach Stammheim.

0:34:02Genau. Und so bin ich in Haft gelandet. Hattest du da dann das Gefühl, was habe ich eigentlich gemacht oder was ist hier schief gelaufen? Tatsächlich gar nicht. Also ich weiß nicht, wie ich damals so sein konnte. Also ich kann mir das heute wirklich null erklären. Ich bin in Haft gekommen, bin da in die Schleuse rein, musste meine Sachen abgeben. Und ich war wirklich, ich habe nichts gefühlt. Ich bin da rein, habe mir die Sachen abgeben, bin in meiner Zelle, habe die Fernseher

0:34:28angemacht und das war es. Also nicht nachgedacht. Und das Schlimme war, also das habe ich vorhin vergessen zu erzählen, einen Tag bevor ich verhaftet wurde, habe ich mich nochmal mit meiner damaligen Ex-Freundin getroffen. Also während ich auf Flucht war, habe ich auch die ganze Zeit mit ihr geschrieben, also übel viel geschrieben. Einen Tag bevor ich verhaftet wurde, habe ich mich nochmal zufälligerweise mit ihr getroffen, haben noch ein bisschen geredet und einen Tag später wurde ich verhaftet. Ich wurde am 3. Mai verhaftet, 4. Mai bin ich in Haft gekommen und am 5. Mai hatte sie Geburtstag.

0:34:59Das war dann schon echt hart für sie und da habe ich ihr auch einen Brief geschrieben. Ich habe gesagt, ich bekomme mindestens 5-6 Jahre, die Beziehung wird so nicht laufen. Sie haben gesagt, geh du deinem Weg, ich gehe meinem Weg. Genau, also ich war komplett gefühlslos. Wenn du in Untersuchungshaft bist, dann hast du so Einschränkungen mit Brief und Telefonat. Also du hast einen Brief hingeschickt, das muss an deine Staatsanwaltschaft, von deiner Staatsanwaltschaft gelesen werden, kontrolliert werden und dann wird es abgeschickt. Also wenn du einen Brief geschickt hast,

0:35:32mindestens ein Monat dauert bis es natürlich mal angekommen ist. Genau, dann habe ich nach eineinhalb Monaten irgendwann einen Brief zurückbekommen. Da denk ich mir, ich bleib bei dir, egal wie lange du im Gefängnis bist. Du hast vorhin gesagt, du hast gehofft, dass dein Opfer gestorben wäre oder tot war. Wie hast du dich gefühlt, als du erfahren hast, er hat's überlebt? Gar nichts gefühlt, ja, dann ist so.

0:35:56Aber, also, hast du es überhaupt erfahren oder wann hast du die Info bekommen? Weil, wer gibt dir die? Das geht nicht direkt rum. Ja, aber du bist ja im Gefängnis gewesen. Achso, ne, ich wusste schon davor, bevor ich, also nach drei oder vier Tagen wusste ich schon, dass es überlebt hat. Okay, alles klar.

0:36:10Also in diesem ganzen Kontext hat deine damalige Ex-Freundin ja sehr viel damit zu tun, sagen wir es mal so, ohne Wertung. Jetzt sagst du, du bist mit ihr noch zusammen. Hältst du es ehrlicherweise nicht fürs Schlauße, wenn ihr beide getrennte Wege geht? Nein, also ich hab diese Frau schon von Anfang an geliebt. Erst nachdem ich aus dem Schlemmhain weggegangen bin und eine Fernbeziehung mit ihr hatte, bin ich an so ein altes Verhaltensmuster gefallen.

0:36:39Meine Freundin hat mir immer schon den Halt gegeben. Also immer wenn ich mit ihr war, war ich auch nie trinken oder hab nie kackig geworden oder sonst irgendwas. Immer nur wenn sie weg von mir war, ist immer irgendwas passiert. Aber sollte das nicht von dir aus kommen? Also Katze soll nicht von einem anderen Menschen abhängig machen. Klar, aber damals war ich nicht so weit.

0:37:00Damals habe ich nicht nachgedacht, was ich gemacht habe. Damals habe ich nur für den Moment gelebt. Ich habe keinerlei Konsequenzen nachgedacht. Hast du nicht das Gefühl, dass es immer zwischen euch stehen könnte, was passiert ist? Nein, nein, nein, nein. Warum?

0:37:15Also wir haben so eine krasse Bindung und vor allem nachdem alles, was wir durchmachen mussten, also ich sitze jetzt seit über drei Jahren in der Haft und sie steht immer noch an meiner Seite, also krasseren Liebesbeweis gibt es nicht. Aber das Leben besteht nicht nur aus Liebe, ehrlicherweise. Also irgendwann vergeht auch Liebe und Liebe verändert sich. Und dann ist die Frage natürlich, ob das, was passiert ist, und das ist schon wirklich eine extreme Situation, ob auch eure Beziehung das standhalten kann.

0:37:43Da mache ich mir keine Sorgen. Und hast du nicht das Gefühl, dass einfach auch zu viel passiert ist? Es ist sehr viel passiert, aber ich sage, jetzt kann ich sagen, dass ich, also alles was ich gemacht habe, war das Dümmste, was ich in meinem Leben jemals machen könnte. Aber dass ich im Knast gelandet bin, ist das Beste, wirklich das Beste, was in meinem Leben passieren könnte.

0:38:02Ich bin in Haft gekommen, meine Augen haben sich geöffnet, ich habe eine 180-Grad-Wendung gemacht, ich habe mich von Grund auf geändert, ich bin ein komplett anderer Mensch geworden. Und ich glaube, wenn ich in Haft komme, dann weiß ich nicht, was aus mir geworden wäre. Also ich bin Gott sehr dankbar, dass ich in Haft gekommen bin. Wie geht es deinem Opfer heute? Das weiß ich nicht. Ich habe nur von der Anklageschrift, was halt steht, dass er sich seinen Lendenwirbelknochen

0:38:31gebrochen hat. Und von Hörern weiß ich, dass er seinen Arm nicht mehr bewegen kann. Er konnte seine Schule nicht fertig machen. Ich glaube, er macht gerade Ausbildung. Aber leider, also wirklich leider, weiß ich nicht, wie es ihm gerade geht oder was er macht. Ich bin schon seit über einem Jahr dabei, den Täter-Opfer-Ausgleich zu machen. Aber dauert das jetzt ein Jahr, weil der Prozess einfach grundsätzlich so lang dauert oder liegt es einfach daran, dass er de facto gerade nicht will höchstwahrscheinlich?

0:38:59Das kann sein. Also wir haben einen Opferbrief geschrieben. Den ersten Brief habe ich dann an die Staatsanwaltschaft geschickt. Also es läuft natürlich alles über das Seenhaus. Ich darf ja keinen direkten Kontakt zu meinen Opfern herstellen. Genau, da wusste ich nicht, was mit dem Brief passiert ist.

0:39:14Dann haben wir den zweiten Brief direkt nach Hause geschickt. Und seitdem hat er sich halt... also, er meldet sich auch nicht mehr. Hast du dich in dem Brief entschuldigt? Natürlich, natürlich. Also, es ist voll viel, was ich geschrieben habe. Das kann ich jetzt nicht aufgreifen, aber...

0:39:28Aber im Großen und Ganzen hast du dich dafür entschuldigt, was du getan hast? Klar, natürlich. Also, ich würde sogar tatsächlich sagen, bis vor einem Jahr habe ich es nicht mehr... Also, ich habe es bereut, was ich gemacht habe, also seitdem ich im Seenaus bin, habe ich es bereut. Aber wirklich so vom tiefsten Inneren, dass es mir wirklich leid tut, ist noch nicht lange her. Also gerade nicht mal ein Jahr her, wo ich dann gesagt habe, okay, was ich damals gemacht habe, ist echt scheiße.

0:39:54Also ich bin in der Haft gelandet, ich habe immer noch gehofft, dass irgendwas passiert, dass er stirbt. Ich hatte so einen Hass immer noch auf mich selbst. In mir drin hat es gebudelt. Ich habe alles gehasst. Und ich wurde voll Gericht von vier meinen damaligen Jungs, meinen engsten Freunden, mit denen ich jahrelang unterwegs war, jahrelang gekannt habe. Von denen wurde ich voll Gericht verraten. Ich hatte einen Hass auf alle. Ich habe jeden gehasst. Aber verstehst du nicht, warum die dich verraten haben? Was heißt denn verraten? Die haben erst schlussendlich das

0:40:21Richtige gemacht. Jetzt sagt man, der hat gegen mich ausgesagt, aber die haben ja nur das gesagt, was passiert ist. Und die haben nur die Wahrheit. Also ich bin auch froh, heute bin ich froh darüber, dass sie die Wahrheit gesagt haben, dass sie nicht für mich gelogen haben. Vielleicht hätte ich eine geringere Strafe bekommen und wäre nicht ins Seenhaus gekommen oder könnte nicht ins Seenhaus kommen.

0:40:39Also ich bin froh, dass sie die Wahrheit gesagt haben und nicht für mich gelogen haben. Ich hatte so einen Hass auf jeden. In mir drin hat es gekocht. Und wohin damit? Ich war in meinen 8 Quadratmetern, konnte gegen die Wand boxen, gegen den Schrank boxen, aber hat mir auch nichts gebracht.

0:40:58Ich hatte so einen Hass. Und jetzt kann ich wirklich sagen, okay, jetzt bin ich mit mir selber im Reinen. Ich weiß, was ich damals verbockt habe. Und ich bin auf einem Weg der Besserung, wo ich mit mir selber gearbeitet habe. Jetzt gebe ich sogar tatsächlich sehr viele Seehausvorstellungen. Viele Schulen, Effizienten und Studenten kommen ins Seehaus.

0:41:20Denen erkläre ich vom Seehaus, gebe auch gleichzeitig, also erzähle ich ihnen von meinem Leben oder mache Gewaltprävention. Also ich gehe auf Schulen, erzähle von meinem Leben und sage den Jungs, so was kann gefährlich werden. Klar, ich bin damals auch immer mit dem Messer herumgelaufen. Ich hatte nie die Intention oder den Hintergedanken, ich werde irgendjemanden abstechen.

0:41:39Aber wenn ich mit dem Messer rumlaufe, heißt es ja eigentlich automatisch, wenn es mal eng wird, dann bin ich bereit zuzustechen. Und vor allem jetzt, also unsere Generation, die Jugend von heute, ich glaube, die denkt noch nicht viel nach. Es ist viel Gangster-Rap, viel Deutsch-Rap, wo viel Gewaltverherrlichung stattfindet. Und die nehmen die als Vorbilder und sagen, ach, der ist krass, so wie der will ich sein. Aber das ist doch eigentlich krank. Wenn die vor den

0:42:07Musikvideos hinten rumstehen und Stadt gegen Stadt, Gang gegen Gang, machen sich alle kaputt. Weil es hat alles angefangen, weil jemand zu irgendjemandem Hurensunge gesagt hat, das steigert sich hoch. Dann mischen sich die Älteren ein und am Ende ist es nur ein Massaker. Die machen sich gegenseitig fertig. Wie hoch war dein Strafmaß? Ich wurde wegen Versuch und Mord eine Haftstrafe von 5 Jahren und 6 Monaten bekommen.

0:42:36Findest du die Strafe gerechtfertigt? Ich glaube, du kannst kein gerechtfertigtes... Also Haftstrafe... Das, was ich gemacht habe, kannst du niemals rechtfertigen. Also egal, was ich mache, das wird niemals gerecht werden. Und klar, es gibt die Jugendstrafe. Jugendstrafrecht heißt, da steckt der Erziehungshintergrund, also dass sich der Jugendliche noch ändern kann. Und genau, deswegen habe ich auch so eine milde Strafe bekommen. Ich glaube, hätte ich jetzt erwachsen, Strafrecht, dann hätte ich mindestens zehn Jahre

0:43:03bekommen. Was heißt mindestens fünf Jahre, aber wahrscheinlich wären es dann eher am Ende zehn Jahre gewesen oder sogar 15 Jahre. Genau, das kannst du nicht gerecht machen. Also ich hoffe, dass ich es irgendwann wieder gut machen kann, wenn ich mich mit meinem Opfer treffen kann, mit dem nochmal alles bereden kann und ich ihm sagen kann, okay, schlussendlich, ich habe dich nicht mal gehasst oder sonst irgendwas, ich hatte einfach einen Hass auf mich selber und das mir wirklich leid tut, dass er alles abbekommen hat.

0:43:32Klar, wir waren beide jung, wir waren beide 16 Jahre, wo das alles passiert war, war ich 15. Wo es mit der Stecherei war, waren wir beide 16. Und der hat ja nie was Böses. Ich weiß nicht, ob er was Böses von mir wollte oder sonst irgendwas. Aber egal, wie böse man ist.

0:43:54Wir waren damals 16 Jahre alt. Das war eine dumme Entscheidung. Klar, ich bin ja nicht hingegangen, habe außerdem nichts auf ihn eingestochen. Da war ja eine Vorgeschichte. Ja gut, aber das rechtfertigt ja nichts. Genau, das meine ich ja. Das rechtfertigt gar nichts. Und dafür will ich mich auch entschuldigen.

0:44:10Es tut mir leid. Und wenn ich es irgendwie wieder gut machen kann, dann mache ich das auch. Wo ist dein Hass jetzt hin? Ich glaube, ich habe gelernt in den letzten drei Jahren, kein Hass mehr zu haben. Also klar, es gibt auch Momente, wo ich sauer bin. Ich lebe mit fünf Jungs auf einer WG und da haben wir Reibungspunkte, da werde ich auch mal sauer. Aber wirklich Hass habe ich irgendwie nicht mehr. Und wenn ich jemanden nicht mag oder ein Problem mit ihm habe, dann

0:44:33rede ich direkt mit ihm. Ich versuche so zu machen, dass ich dieser Hass gar nicht entwickeln kann. Weil was bringt mir dieser Hass? Ich war neun Monate in Untersuchungshaft, zehn Monate in Strafhaft, war dann noch mal ein Jahr, acht Monate im Seelohrhaus. Und in der Zeit hatte ich so viel Hass in mir drin und es kommt nirgendswohin. Es hat mich nur von innen zerfressen. Und ich weiß, Hass tut keinem Menschen gut. Wenn du deinen Opfer heute treffen würdest, was würdest du ihm sagen?

0:44:59Das weiß ich nicht. Also ich bin ein komplett spontaner Mensch. Ich würde das sagen, was gerade im Moment passt. Aber hast du nicht eigentlich genügend Zeit, um darüber nachzudenken, was du sagen könntest? Doch, aber ich glaube, bei so einem Gespräch kannst du dich nie genug vorbereiten oder gar nicht planen, was du sagen wirst, weil am Ende wird es genau anders. Es wird nicht genau das passieren, was du dir vorstellst.

0:45:22Es wird immer irgendwas anderes passieren oder es wird irgendwie passieren, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst. Ich würde von mir behaupten, ich bin ein sehr authentischer Mensch. Ich würde es gar nicht vorhinein planen, das will ich zu dir sagen, sondern ich bin authentischer Mensch und wenn ich mit dir rede, dann sage ich das, was ich fühle. Und dann entschuldige ich mich bei ihm. Ich bereue das Tiefste, was ich damals gemacht habe. Also Authentizität muss ja nicht darunter leiden. Also du kannst aber deine Worte reflektiert darüber nachdenken, wann du welche Worte wie positionierst. Das bedeutet

0:45:54nicht, dass das an Autentizität flöten geht. Genau, also ich trage meine Wortwahl natürlich so, dass ich will ihn ja nicht nochmal verletzen oder alles noch mal wieder erleben, was damals passiert ist. Aber wirklich, klar, ich habe meine Briefe geschrieben, die von 8.Aug. besprochen, genau, was ich reinschreiben soll, was ich nicht reinschreiben soll, genau. Aber ich würde nichts, also ich würde jetzt nichts planen. Okay, das will ich mit dir bereden. Klar, ich will mich bei ihm entschuldigen. Ich will, am Ende ist mein Ziel einfach, mit ihm reinzuleben, damit er und ich in Zukunft in Frieden weiterleben können,

0:46:29ohne dass zwischen uns irgendwas steht. Du hast gesagt, du hattest Opfer-Täter-Gespräche. Wie hast du dich gefühlt, als Opfer dir erzählt haben, was sie durch Täter erlebt haben? Was hat das in dir ausgelöst? Genau, ich glaube, das ist für jeden Täter sehr ähnlich. Also Täter kennen die andere Seite, die Opferseite gar nicht. Für uns ist das Denken so, okay, der hat was gemacht, ich mach was oder ich will Geld, also mach ich was. Wir denken gar nicht so weit nach, okay, was machst du mit dem, was machst du mit seiner Familie, was machst du mit seinem Umfeld? Und da hab ich auch die anderen Jungs, die dabei waren, haben gesehen, okay,

0:47:07ach du Kacke, das macht nicht nur mit der Person was, sondern macht mit seiner ganzen Psyche, mit seinem ganzen Leben, mit seiner ganzen Familie, mit alles ändert. Die Frau, die ich jetzt erzähle, ist auch selber, die hat ihre Geschichte auch öffentlich, deswegen kann ich es jetzt so offen sagen. Genau, die wurde betrogen durch Love Scamming, ihr ganzes Vermögen wurde weggenommen. Genau, das war so eine Geschäftsfrau, die war sehr erfolgreich damals.

0:47:31Und dann wurde ihr gesagt, okay, flieg nach Japan, du wirst das Produkt verkaufen. Genau, neue Geschäftsidee, bla bla bla. Genau, da ist sie nach Japan geflogen, wurde von der japanischen Polizeibehörde abgefangen, wurden ein paar Kilo Kokain bei ihr gefunden. Ich musste fünf Jahre unschuldig im japanischen Gefängnis sein, in einer Minizelle, wo sie gefoltert wurde und ein dreckiges Leben fünf Jahre lang hatte.

0:47:54Und dann nach Deutschland gekommen, ich in Deutschland immer noch im Knast sein musste und dann nach ein paar Monaten zum Glück entlassen wurde. Und wo man dann so eine Geschichte hört. Ich weiß nicht, wenn es einem Menschen nichts auslöst, dann weiß ich auch nicht. Also ein unschuldiger Mensch musste so krass leiden und ihr ganzes Leben wird sich daran leiden, nur weil eine bestimmte Person oder eine Gruppe Geld haben wollte, Geld gebraucht hat.

0:48:17Und das war eine der Geschichten, die mich richtig berührt haben, wo ich mir denke, ach du Kacke. Hast du dich jemals bei deiner Familie entschuldigt? Klar, voll oft. Hat deine Familie dir verziehen? Natürlich. Hast du dir verziehen?

0:48:36Ja. Wann? Gute Frage. Also es war jetzt nicht alles so, jetzt verzeihe ich mir, jetzt entschuldige ich mich, sondern es war alles, es hat sich alles drauf, also es war alles ein Prozess. Es hat angefangen, dass ich ins Sehaus gekommen bin. Und ich wollte ja auch nicht, ich habe nicht gesagt, ich will mich ändern, ich will ein besserer Mensch werden, ich will straffrei leben.

0:48:58Deswegen will ich ins Sehaus. Nein, ich wollte aus dem Knast raus. Ich hatte fünfeinhalb Jahre Haftstrafe. Ich will raus, ich habe keinen Bock mehr auf acht Quadratmeter. Ich bin nicht frei, ich habe hier keine Mauern. Ich bin gerade auf der höchsten Stufe, darf einmal im Monat nach Hause, habe mein Handy. Ich mache gerade sogar meinen Führerschein. Das war meine erste Intention.

0:49:15Und dann bin ich ins Sehaus gekommen. Da habe ich gesagt, okay, ich kann auch Empathie entwickeln. Da habe ich langsam Empathie entwickelt. Da habe ich ein Empathietraining hier gemacht. Genau, dann habe ich mich mit meinem Opfer auseinandergesetzt. Wir haben hier verschiedene Sehausrunden, also pädagogische Runden.

0:49:30Genau, dann ging es eigentlich voll schnell. Dann hatte ich auf einmal Empathie. Ich konnte mich in andere Menschen hineinversetzen. Wenn ich dann Geschichten gehört habe, der hat hier jemanden abgestochen oder der hat ihn so brutal zusammengeschlagen, dass er gestorben ist oder sonst irgendwas, da dachte ich mir, ach du Kacke, wie kann man sowas über das Herz bringen. Und dann habe ich mich selber reflektiert und habe gesagt, Erim, vor drei Jahren hast du jemanden

0:49:51fast umgebracht. Wie konntest du das damals nur machen? Und ich kann mich in andere Menschen hineinversetzen. Ich kann sagen, okay, Menschen haben auch Gefühle und das, was ich mache, löst Wellen aus. Es ist nicht nur, ich hab Stress mit dir und wenn ich dir was mache, betrifft es uns beides. Wenn ich dir was mache, betrifft es deine Familie, dein Umfeld, deine Psyche, dein ganzes Leben. Hat deine Tat auch Konsequenzen für deine Familie gehabt?

0:50:16Gerade dort, wo sie wohnen? Ich meine, da kennt jeder jeden. Nein, also nicht direkt. Klar, es ist jetzt viel passiert, aber da war jetzt nichts, wo ich mir Sorgen um meine Familie machen musste oder sonst irgendwas. Hast du Sorgen, dass sie dir vielleicht davon einfach nicht erzählen? Weil blöde Blicke werden sie mit Sicherheit ernten oder dass Menschen

0:50:37sich von ihnen abgewendet haben. Klar, es wird viel geredet bestimmt. Aber ich hoffe, die erzählen es mir, wenn jemals was passieren sollte. Ich tue es nicht aus Angst, dass du den Menschen dann wieder was antust, weil das ist ja wieder Gerede, worauf du sehr allergisch reagiert hast. Da mache ich mir... also meine Familie kennt mich ja, die wissen, wie ich ticke,

0:50:57die wissen auch, wie krass ich mich verändert habe. Genau. Deswegen mache ich mir keine Sorgen, dass sie deswegen mir nichts sagen. Also ich glaube, wenn was, wäre hinten es sich noch gesagt. Abgesehen davon, dass du Empathie entwickelt hast, seit du hier im Seehaus bist, was hast du noch hier durch gelernt? Ich glaube, ich habe echt gelernt, mit anderen Menschen umzugehen. Also wir sind

0:51:17auf dem ganzen Gelände zwischen zwölf bis zwanzig Jungs und jeder ist auf seine Art und Weise ganz anders. Und mit jedem klar zu kommen und mal mit jemandem, also wir streiten uns ja auch ständig, also ich glaube, das ist wie in jeder Familie, da hat man diese Reibungspunkte und wenn es Probleme gibt, mit jemandem zu reden und sagen, ey, schau mal, das kotzt mich an dir an, das will ich nicht von dir, ohne jemanden direkt anzuschreien, fertig zu machen, sagen, ey, verpiss dich von hier, lass mich in Ruhe, einfach auf eine anstehende, erwachsene Art

0:51:48miteinander zu reden. Und eigentlich, ich weiß nicht, warum ich es früher nicht so, während dieser, also wo ich meinen Strafzeit gemacht habe, nicht da so war, aber eigentlich bin ich ein sehr typisch schriebiger Mensch und, genau, also ich wollte ins Service kommen, da habe ich alles dafür gemacht. Eigentlich wäre es unmöglich für mich gewesen, ins Sehaus zu kommen. Am Ende habe ich es geschafft.

0:52:08Das ist mir auch noch einmal bewusst geworden. Wenn du ein Ziel hast, dann hast du etwas, wofür es sich lohnt zu kämpfen, um weiterzumachen, um voranzukommen. Dann hast du deinen Fokus. Ich glaube, ohne Ziel hätte ich das alles auch nicht geschafft. Ich bin in die Haft gekommen, mein Ziel war ins Seehaus zu kommen.

0:52:27Da war automatisch klar, wenn ich mich einmal geschlägert, einmal was mit Drogen zu tun hätte, dürfte ich nicht ins Seehaus kommen. Da war ich ein Jahr, acht Monate im geschlossenen Vollzug, durfte dann ins Seehaus kommen. Genau, da hatte ich mein nächstes Ziel. Wir haben hier ein Stufensystem. Mein Ziel war eine Stufe aufzusteigen.

0:52:40Habe alles dafür gemacht. Es hat viel gekostet, viele Nerven. Das Seehaus ist ein sehr, sehr straffes Programm von 5.30 Uhr bis 22 Uhr. Es ist nur ein Flugprogramm. Da musst du leisten, leisten, leisten. Und so habe ich mich hochgekämpft. Ich bin jetzt auf der höchsten Stufe. Mein nächstes Ziel war es, meinen Führerschein

0:52:56zu machen. Jetzt bin ich kurz vor meinem Führerschein. Ich wollte meine Ausbildung mit einem richtig guten Durchschnitt machen. Ich hatte jetzt am Donnerstag meine letzte Prüfung und habe das auch geschafft. Ohne Ziel hätte ich das alles nicht geschafft. Hätte ich es einfach nur auf mich zukommen lassen, dann könnte es sogar sein, dass ich abgebrochen hätte und wieder zurück ins Gefängnis gehen musste. Und das war eine der wichtigsten Sachen im Leben, würde ich sagen, ist Ziele zu haben und ein Fokus. Was ist dein nächstes Ziel?

0:53:28Ich stelle jetzt tatsächlich vor, meine Entlassung. Also ich komme in zweieinhalb Wochen, bin ich ein freier Mensch wieder. Ich ziehe jetzt komplett weg aus meinem eigenen Umfeld, in eine komplett neue Gegend, mache sozusagen einen Neustart zu meinem Projekt. Ich mache gerade meinen ersten Lehrjahr als Schreiner. Ich mache meine Schreinerlehre fertig, kämpfe mich langsam zurück ins Leben. Wegen meiner Straftat habe ich noch ein paar Schulden offen. Den größten Teil habe ich jetzt schon während meiner Haftzeit abgezahlt. Die muss ich noch fertig zahlen. Dann zurück ins Leben kämpfen. Mein Ziel in fünf, sechs, sieben Jahren ist es halt, irgendwann mal was mit Menschen zu machen.

0:54:04Wir haben viele Sozialarbeiter hier in Deutschland, die machen auch richtig gute Arbeit. Aber ich weiß, die machen gute Arbeit, die erzählen es denen, aber es kommt anders rüber, wie es ein Sozialarbeiter sagt, als wenn es der eine sagt, der das durchgelebt hat. Ich habe es ja schon voll oft gemacht, wo ich auf Schulen war oder die Schulen hier waren oder Jungs, die Sozialstunden bekommen haben, mit denen ich geredet habe, ich habe gesagt, ey Jungs, schaut mal, ich bin kein Sozialarbeiter, ich erzähle euch von Erfahrung, das bringt alles nichts und es ist kacke, was ihr da macht. Und

0:54:37da habe ich auch gesehen, okay, das macht mit den Menschen was. Manche, die folgen jetzt auf Insta, schreiben mir und sagen, danke, das hat meine Augen geöffnet und irgendwann mal 5, 6 Jahre fünf, sechs Jahre mit Menschen zu arbeiten und einfach so viel helfen, wie es geht. Was würdest du Opfern von körperlicher Gewalt, mit Messer, mit einer anderen Waffe, was würdest du den Menschen raten? Ich glaube, ich würde denen erstmal raten, erstmal zu Hause zu bleiben und auf alles

0:55:09nochmal klar zu kommen, weil ich glaube, wenn man dann direkt was... das Blöde ist halt, da kommt halt direkt die Polizei und sagt, ja was ist passiert um diese Uhrzeit und ballert dich vor und sagt und da und da und da. Das hat gerade ein traumatisches Erlebnis gehabt. Da kommt die Polizei und die Staatsanwaltschaft und Briefe und will Zeugen aussagen, das macht ein Opfer fertig. Ich würde Ihnen empfehlen, erstmal runter zu kommen, ein paar Tage abzuschalten und

0:55:33das erste, was Sie machen, ist Hilfe holen. Also das ist leider echt in Deutschland Mangelware, so Opferhilfen oder klar, viele Opfer trauen sich auch gar nicht, Hilfe zu suchen, aber wirklich den Mut zu haben, sich Hilfe zu holen, irgendwo, auch wenn es nur ein Bekannter ist oder zufälligerweise mich auf der Straße sieht oder irgendjemanden, dem man vertraut, einfach sagt, ey, schau mal, das passiert. Ich habe gerade echt Angst, auf die Straße zu gehen oder genau bei Leuten, die eingebrochen

0:56:00wurden, die haben Angst, zu Hause zu schlafen, oder sagen, ey, kann ich vielleicht ein paar Tage bei dir übernachten, ich fühle mich nicht so wohl zu Hause. Und dann wirklich irgendwann auch professionelle Hilfe zu suchen. Wie gesagt, es ist Mangelware, vor allem in Baden-Württemberg. Aber jetzt zum Beispiel vom Seehaus gibt es an acht Standorten Opfer- und Traumaberatungstellen. Und da einfach sich zu trauen, und was ich wirklich, vielleicht nicht direkt nach der

0:56:23Tat, vielleicht so ein Jahr später, wirklich ein Opfertäter im Gespräch zu machen, weil viele Opfer denken dann halt so, okay warum hat es mich getroffen, was habe ich in meinem Leben falsch gemacht, aber in den meisten Fällen ist es nur so, der Kriminelle läuft auf der Straße, sieht ein offenes Fenster, steigt ein, klaut alles und das Opfer ist für das ganze Leben traumatisiert, weil die Person denkt, die hat im Leben was falsch gemacht und ist komplett traumatisiert. Wovor hast du Angst? Angst habe ich vor nichts.

0:56:52Ich habe sehr, sehr Respekt vor der Zukunft. Ich war jetzt über drei Jahre im Gefängnis. Ich hatte davor noch drei Jahre im Schülerwohnheim. Davor war ich ein Kind. Ich hatte immer jemanden, der mir gesagt hat, da stehst du auf, da gehst du zur Schule,

0:57:06da machst du dies, da machst du das. Und jetzt in zweieinhalb Wochen treffe ich meine eigenen Entscheidungen komplett selber. Ich sage, wann ich aufstehe, ich gehe, wann ich esse, wann ich mein Geld ausgebe, wann ich arbeiten gehe. Das habe ich alles zu entscheiden.

0:57:17Und da habe ich schon Respekt, weil ich kenne das einfach nicht. Und in den letzten, also wenn man mindestens zwei, drei Monate, nachdem man im Gefängnis ist, weiß man nicht mehr, wie es ist, frei zu sein. Man kennt das Gefühl nicht. Klar, ich bin im Seehaus, ich kann hier aus dem Fenster schauen und ich sehe keine Mauern. Ich kann bis ins Unendliche schauen, bin im Besuch oder wenn ich eine Heimfahrt über das Wochenende bei meiner Familie bin,

0:57:41bin ich quasi frei. Aber im Herzen weiß ich, ich bin gefangen. Ich muss morgen um 17 Uhr wieder hier im See ausstehen und dann wie so ins kalte Wasser geworfen werden. Davor habe ich Angst, dass ich dann mal so wie Schock geflossen bin oder sonst irgendwas. Davor habe ich schon Respekt, weil ich betrete so eine Ortschaft, wo ich nichts kenne. Ich hatte Berührungspunkte, das ist auch das Gute am Service, weil ich Besuch habe und Heimfahrt habe, werde ich wieder langsam ins normale Leben integriert. Aber wirklich frei bin ich ja nicht. Jetzt in zweieinhalb Wochen komme ich raus und bin ein komplett freier Mensch.

0:58:16Davor habe ich echt Respekt. Was machst du, wenn diese, ich nenne es jetzt mal weiterhin, Angst dich übermannt? Was ist dein Ziel? Wie möchtest du damit umgehen? Da habe ich gar keine Sorge, dass das irgendwann passiert. Aber schlimmstenfalls, falls mal passiert, dass ich da mein Leben nicht mehr im Griff habe, habe ich genug Ansprechpartner. Also sie kann mich auch jederzeit hier im Sehaus melden.

0:58:37Und ich mache auch Nachsorge, heißt ich habe einen Mitarbeiter, also das ist zufälligerweise jetzt einer vom Sehaus, das muss nicht vom Sehaus sein, wo ich dann sagen kann, ey, schau mal hier, ich habe hier Probleme oder ich traue mich das nicht. Es kann sein, dass in den nächsten Tagen etwas passiert oder ich rückfällig werde. Was wünschst du dir für deine Zukunft? Ich wünsche mir für meine Zukunft, dass alles so läuft, wie ich es mir geplant habe.

0:59:04Dass ich weiterhin mit mir selber im Reinen sein kann. Dass alles wieder gut wird. Dass ich wieder zurück auf eigenen Beinen stehen kann und einfach wirklich niemanden mehr verletze. Also ich habe in meiner Vergangenheit echt sehr sehr viele Leute verletzt. Ich will niemanden mehr in meinem Leben verletzen und dann irgendwann in meinem Leben so weit bin, dass ich dann nur noch anderen Menschen helfe. Danke dir, danke dir, dass du deine

0:59:25bewegende Geschichte mit uns geteilt hast und ehrlicherweise die Hosen runtergelassen hast. Danke, danke und wir wünschen dir alles Gute für deine Zukunft und dass das alles klappt mit dem Umzug und dem Neuanfang. Vielen Dank. Du willst selbst bei uns dabei sein? Dann melde dich auf unserer Website oder unser Social Media.

0:59:48SWR 2021

Transcribed with Cockatoo

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